Medien : Sozial-Casting

Taugt Hartz IV zum Medienstoff? Eine Diskussion

Barbara Sichtermann

Wie kriegt man Hartz IV ins Fernsehen? Diese Frage diskutierten die 38. „Mainzer Tage der Fernsehkritik“ mit Seitenblicken auf die Lage des Mediums und der Nation. Markus Schächter, als ZDF-Intendant oberster Gastgeber, hatte es noch leicht. Er durfte den „Menschen als Wert" ansprechen und auch sonst sehr allgemein bleiben. Dann wurde es komplizierter. Neigen Medien nicht zur irreführenden Verkürzung? Fehlinformieren sie nicht schon deshalb, weil im Grunde nur „bad news good news“ für sie sind? Und weil ihnen die interne Konkurrenz, der Wettlauf um den ersten Platz bei der Präsentation ihrer Neuigkeiten stets mehr bedeutet als eine getreuliche Spiegelung der Realität? So fragte Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina. Die Debatte führte stracks hinein in die uralten und immer wieder neuen erkenntnistheoretischen Probleme um die Wirklichkeit und Wirkung von Medien – Hartz IV blieb erstmal draußen.

Bis man sich dann doch ans Thema herantraute. Tabellen mag das Fernsehen nicht, es setzt auf Menschen und auf die Emotionalisierung, die ein trauriges Schicksal bewirkt. Hanno Beck von der „FAZ“ anerkannte die Notwendigkeit für das Bildmedium, mit Suggestionen zu arbeiten, wies aber auch auf die Verarmung hin, die Personalisierung und Simplifizierung mit sich bringen. Christoph Dieckmann, ebenfalls ein Print-Mann („Die Zeit“), bekannte sich zu seiner Lieblingssendung: Videotext. Bei der „Tagesschau“ solle man die Augen schließen, man habe dann mehr davon. Der fernsehkritische Alt-Konsens: Dieses Medium bringe um den Verstand, lugte um die Ecke, offenbar ist er doch noch nicht so ganz von gestern. „Für mein Geld“, zitierte Dieckmann ein einschlägiges Bonmot, „kann ich erwarten, dass an meine niedrigsten Instinkte appelliert wird“.

Diese Instinkte sah Fernsehkritikerin Klaudia Brunst in Shows wie „Dschungelcamp“ und „Teufels Küche“ (beides RTL) bedient - gerade dass es in solchen Formaten nicht um Spaß, sondern um Angst (zu versagen) gehe, weise sie als zeittypisch aus. Subkutan hat sich das Gefühl einer Bedrohung aller Sicherheiten in die Unterhaltung eingeschlichen - und auch die alten Sekundärtugenden, die bei knapper Arbeit wieder zählen, sind zurück. Bei den jüngsten Varianten der Casting-Shows ging es nicht mehr um den Aufstieg vom Nobody zum Star nach Art eines Lottogewinns, sondern um die Härte der Auslese, um Disziplin und Leistung.

Beim Thema Arbeitslosigkeit spielen Zahlen eine große Rolle; hier konnte Michael Darkow von der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung ein paar Vorurteilen entgegentreten. Arbeitslose gucken kein „Unterschichtenfernsehen“ und auch keine „eskapistischen Inhalte“, sondern genau dasselbe wie der arbeitende Rest. Bloß etwas mehr davon, was ja den Fernsehmachern gefällt. Das wird aber, vor allem bei den kommerziellen Sendern, nicht dazu führen, dass sich diese Anstalten für eine Stabilisierung der Arbeitslosenzahlen einsetzen, denn sie wollen ja Werbeminuten verkaufen - da sollen die Gucker auch Geld im Beutel haben.

Eine Runde mit Volker Lilienthal (epd medien), Martin Doerry („Der Spiegel“), Stephan-Andreas Casdorff (Der Tagesspiegel) und Frank Thomsen („Stern“) versuchte zu bewerten, was Medien mit dem sozialen Thema machen. Da hieß es: Es gibt eine Berührungsangst vor dem Elend, es gibt aber auch den Sozialvoyeurismus, der zu viel Armut zeigt, aber zu wenig Gründe und erst recht zu wenig Perspektiven.

Am Abend des ersten Tages kam endlich Hartz – aber nicht ins Fernsehen, sondern nach Mainz aufs Podium. Der Namensgeber der Reform, VW-Personalvorstand Peter Hartz, sprach über die Umsetzung seiner Ideen und verriet, dass er manches anders gemacht hätte. „Nicht überall, wo Hartz draufsteht, ist Hartz drin.“

Michael Opoczynski, Leiter der ZDF-Sendung „Wiso“, nahm die Anmerkungen von Peter Hartz am Dienstagmorgen auf. Opoczynski meinte allerdings, es sei Aufgabe der Journalisten, kühl zu berichten. Das ZDF begleite den Reformprozess kritisch. Über das „Fördern“, das auch Teil der Arbeitsmarktreform Hartz IV sein solle, habe der Sender ZDF aber nicht positiv berichten können – weil die Redaktion keine positiven Beispiele gefunden habe.

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