Sparmaßnahme : US-Zeitungen lassen ihre Lokalnachrichten im Ausland produzieren

13.10.2012 00:00 UhrVon Dominik Drutschmann
Es gibt Städte in Amerika, wo kein Journalist mehr vor Ort ist. Dieses Vakuum wollen Dienste wie Journatic füllen. Heraus kommt aus Sicht der Leser: „ein Haufen Müll“. Foto: rtr Foto: REUTERS
Es gibt Städte in Amerika, wo kein Journalist mehr vor Ort ist. Dieses Vakuum wollen Dienste wie Journatic füllen. Heraus kommt aus Sicht der Leser: „ein Haufen Müll“. Foto: rtr - Foto: REUTERS

Die Firma "Journatic" stellt lokale Nachrichten für amerikanische Zeitungen bereit. Geschrieben werden die Artikel aus Kostengründen aber in Übersee. Lässt sich Lokaljournalismus auslagern?

An der Arbeit von Giselle Bautista hat sich in den USA eine Riesen-Debatte entzündet. Dabei war der Artikel, den sie geschrieben hat, eigentlich keine große Sache. Ein Pärchen wollte ein Haus verkaufen, in Flossmoor, einer Stadt knapp 50 Kilometer südlich von Chicago. Bautista war noch nie in der Stadt, wahrscheinlich nicht einmal in den USA. Den Text hat sie von Zu Hause aus geschrieben, von den Philippinen. Die Informationen hat sie aus dem Internet: ein Foto des Mannes, Universitätsabschluss, Job. Als Autorin steht in der „Chicago Tribune“ nicht Bautista, sondern Jenny Cox, ein Alias. In den USA wird seitdem heftig diskutiert: lässt sich Lokaljournalismus outsourcen?

Die Finanzkrise 2008 hat vor allem die Zeitungsbranche in den USA getroffen.

Innerhalb eines Jahres wurden nach Angaben der amerikanischen Journalistenvereinigung Unity mehr als 35 000 Stellen abgebaut. Es gibt Städte in den USA, in denen kein Journalist mehr vor Ort ist. In dieses Vakuum ist Journatic gestoßen. Die Firma, 2006 in Chicago gegründet, stellt „hyper-lokale Inhalte“ für amerikanische Zeitungen bereit. Journatic verspricht, jene Kleinstädte abzudecken, die sich die Zeitungen nicht mehr leisten können; Städte wie Flossmoor. Giselle Bautista ist eine von 100 freien Mitarbeitern. Ihre Kollegen sitzen auf den Philippinen, in Afrika, Brasilien und Osteuropa. Outsourcing nennt sich das im Englischen, auslagern. Firmen tun es, um Kosten zu senken und billiger zu produzieren. Für ihren Artikel im Immobilienteil der „Tribune“ bekommt Bautista umgerechnet 33 Cent.

Journatic will die größte Maschinerie für lokale Nachrichten werden. Dafür sammelt die Firma alles, was sie über eine Region im Internet herausfinden kann: die Ergebnisse des lokalen Bowling-Centers, Immobilienverkäufe, Todesnachrichten. Wer hat eine Hochzeits-Lizenz in Pearland, Texas? Journatic weiß es. Auch die Namen aller Kinder, die die Trinity Prepetory School in Winter Parks, Florida, besuchen. Journatics Quellen sind städtische Websites, Netzwerke wie Linkdin, Pressemitteilungen. Die Autoren produzieren ihre Texte nach dem „Copy-and-Paste-Verfahren“. Die grundsätzliche Frage lautet: Was muss ein Journalist miterlebt haben? Muss er vor Ort gewesen sein, damit ihm der Leser glauben kann?

Ryan Smith, ehemaliger Redakteur bei Journatic, hat die Praktiken seines Arbeitgebers öffentlich gemacht. Die auf den Philippinen und sonstwo produzierten Inhalte landeten vor der Veröffentlichung auf seinem Schreibtisch. Er wunderte sich, dass einige Texte erhebliche Rechtschreibschwächen aufwiesen. Sein Vorgesetzter entgegnete ihm, dass er Verständnis haben müsse, schließlich seien die Autoren keine Muttersprachler. Smith aber wunderte sich umso mehr: Warum schreiben sie dann für uns?

Das war der Tag, an dem Ryan Smith zum ersten Mal von den philippinischen Zuarbeitern hörte. Es war der Tag, an dem er sich entschied, dass er so nicht weitermachen kann. Er wusste, dass er gefeuert wird, wenn er damit an die Öffentlichkeit geht. Er hat es dennoch getan. „Es ist eine Art zerfleddertes Produkt, das im Ausland geschrieben wird“ sagt er, „und dann halbherzig redigiert ins System einfließt.“

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