Spielfilm-Tipp : Flickenteppich Familie

Früher Vater-Mutter-Kind, heute Patchwork - ein ARD-Film über Lebensstile.

Verena Friederike Hasel

Als ihre Ehe zerbricht, ist sie ist gerade in dem Alter, in dem sie aufhört, jung zu sein. Jana (Gabriela Maria Schmeide) bleibt allein zurück, mit der kleinen Tochter Alex (Amber Bongard). Dort, wo das Leben dann versucht weiterzugehen, fängt der ARD-Film „Patchwork“ an. Jana geht zum Speed-Dating, probiert sich in Tapferkeit und sagt, ihre Tochter und sie kämen gut zurecht, nur beim Skat, da fehle der dritte Mann. Die Tochter klebt derweil eine Collage aus vergangenen Vater-Mutter-Kind-Bildern, und als Jana sie findet, behauptet das Kind, das sei für das Kunstprojekt Lieben, eine Schulaufgabe.

Als genau das stellt sich die Liebe in „Patchwork“ heraus – als Kunst, weil sie keine Regeln hat, und als Projekt, weil sie etwa Vorläufiges behält.

Jana verliebt sich in Daniel (Fritz Karl), überstürzt ziehen sie zusammen, mit dabei ist Daniels Stieftochter Nelly (Marie Luise Stahl). Den ersten gemeinsamen Abend will Jana feiern, mit Fondue und Kerzenlicht. Stattdessen weint Alex um ihren beim Umzug entlaufenen Hasen, und Nelly telefoniert mit ihrer Mutter Xenia (Maria Schrader).

Dass Einsame und Alleinerziehende gefällige Protagonisten sind, weiß das Fernsehen schon lange. Ihre Vorzüge: Sie haben einen starken Wunsch und sie bieten reichlich Stoff für Konflikt, das haben vor allem Serien gezeigt. In den Achtzigern bekam Peter Weck in „Ich heirate eine Familie“ mit seiner Eheschließung gleich vier Kinder dazu, im neuen Jahrtausend formierte sich in „Türkisch für Anfänger“ eine interkulturelle Neufamilie.

„Patchwork“ (Buch: Laila Stieler, Regie: Franziska Buch) will diese bekannte Geschichte psychologisch auskleiden – sowohl im Verhältnis von Eltern und Kindern als auch zwischen Mann und Frau. Als Jana nach Hause kommt, macht ihre Tochter Alex gerade Pfannkuchen für sie und fühlt dann vorsichtig vor: Sie wolle gern ihren Vater besuchen, ob das in Ordnung sei. Jana reagiert beleidigt, sie habe sich doch so auf ihre Tochter gefreut. Parentifizierung nennen es Psychologen, wenn sich ein solcher Rollenwechsel vollzieht und Kinder versuchen, ihre Eltern zu umsorgen und zu beschützen. Jana und Daniel erleben derweil einen typischen Paarkonflikt: Janas Drängen auf Nähe ist so massiv, dass Daniel kaum Raum bleibt, selbst den Wunsch nach Nähe zu entwickeln.

„Patchwork“ als Wort ist nichts anderes als ein neues Gewand für das Gebilde, das man früher als „Stief“ bezeichnete. Während sich das nach aschenputtelartiger Bösartigkeit anhörte, klingt Patchwork fröhlich und kunterbunt, betont eher Vielfalt und Chance. Auch dieser ARD-Film ist ein Plädoyer für alternative Lebensformen. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“, lautet ein afrikanisches Sprichwort und auch die Botschaft heute Abend. Dabei ist das Sendungsbewusstsein übermäßig geraten – so hat die Szene, in der die aus ihren Familien gesprengten Figuren dem verständnislosen Polizisten ihre verwandtschaftlichen Beziehungen erläutern müssen, zu viel Zeigefinger. Der Absurditätspegel ist hart auf Anschlag, natürlich verwechselt Daniel beim Auszug die Koffer und hat die Dessous seiner Exfrau im Gepäck, als er bei Jana einzieht.

Trotzdem – „Patchwork“ lässt mehr Leben ins Fernsehen als man sonst dort sieht, hat auch viel mehr Mut: Alex erwischt ihre Mutter nackt mit Daniel, kurzerhand bindet sich Jana die Schürze um, verstaut ihre Rundungen darunter und fängt an Milchreis zu kochen, mit nacktem Po. Und als Daniel ihr sagt, dass er nicht wisse, ob das mit ihnen immer halte, sagt sie nur: „Ach, scheiß doch auf die Ewigkeit.“

„Patchwork“, ARD, 20 Uhr 15

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