Sport in der DDR : Medaillen mit Kehrseite

„Die Goldmacher“: Eine Arte-Dokumentation zeigt die Sieger, die Macher und die Opfer im DDR-Sport.

Friedhard Teuffel
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Masse Mensch. Die Turn- und Sportfeste in Leipzig feierten die DDR. Foto: dpadpa

Das Siegerlächeln der DDR sah manchmal schelmisch aus, wie das von Siegbert Horn. Über seine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1972 im Kajak kann er sich heute noch diebisch freuen. Denn es war ein Sieg mit List. In München sollten die Slalomwettbewerbe erstmals in einem künstlichen Kanal ausgetragen werden. Ein Vorteil für die bundesdeutschen Sportler, die vorher dort trainieren konnten. Doch für 2,2 Millionen DDR-Mark ließen die DDR-Kanuten aus Platten des Autobahnkombinats einen eigenen Kanal bauen – und gewannen am Ende alle vier Slalom-Wettbewerbe.

Manchmal gab es im DDR-Sport auch eine Goldmedaille ohne Siegerlächeln. Zu sehen im Gesicht von Wolfgang Böhme. Der beste Handballer der DDR war er. Aber weil die Stasi bei ihm Fluchtgedanken witterte, wurde Böhme aus der Nationalmannschaft geworfen. Er durfte nicht dabei sein, als die DDR 1980 Handball-Olympiasieger wurde. Noch heute fühlt er sich betrogen.

In seinem eineinhalbstündigen Dokumentarfilm „Die Goldmacher – Sport in der DDR“ am Mittwochabend bei Arte zeigt Albert Knechtel viele Gesichter des DDR-Sports. Er erzählt, wie es ein kleines Land geschafft hat, im Sport ganz groß zu werden. Sein Film ist keine Abrechnung mit dem Sportsystem einer Diktatur, sondern ein gutes, ausgewogenes Porträt, in dem Ausgegrenzte zu Wort kommen, Zwangsgedopte, Distanzierte, aber auch Sieger, Sportler, Trainer und der populärste DDR-Sportjournalist, Heinz Florian Oertel. Es darf auch noch einmal gejubelt werden, das tut etwa der Radfahrer Täve Schur, wenn er von den Bedingungen für Athleten schwärmt und von den Mädchen an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig.

Mit Wolfgang Behrendt fängt es an, der Boxer gewinnt 1956 die erste olympische Goldmedaille für die DDR. Es werden bis zu ihrem Untergang insgesamt fast 4000 Medaillen bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften. „Noch ohne großen Ufftrach“ seien sie damals gestartet, berlinert Behrendt, deswegen sei die Freude umso größer gewesen. Später kommt die Anweisung zum Siegen von oben, von der politischen Führung.

Das Politische des Sports zieht sich durch den ganzen Film. „Ohne Sport wird der Staat die Jugend nicht erreichen und für den Sozialismus gewinnen“, begründet der vorletzte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow, warum die Staatsführung auf den Sport gesetzt habe.

Der Sport in der DDR startet als Volkssport, für jeden bezahlbar, politisch gefördert, um die Werktätigen fit zu machen. „Jeder Mann an jedem Ort jede Woche einmal Sport“, wird zum Motto, wem das zu lang ist, der ruft einfach „Sport frei!“.

Stolz und Anerkennung zieht die DDR aus ihren Medaillen, vor allem wenn sie im Vergleich mit bundesdeutschen Athleten gewonnen werden. „Wenn die Fahne eines Landes gezogen wird, weiß man, dieses Land existiert“, sagt Modrow, und die Turnerin Erika Zuchold sagt: „Wir waren Diplomaten im Trainingsanzug, und ich fand das gut, es war mein Land.“ Dafür betreibt das Land einen unglaublichen Aufwand, mit Kinder- und Jugendsportschulen, Forschungsinstituten – und mit staatlich angeordnetem Doping. Modrow tritt im Film als Verteidiger auf, Doping sei ein Problem des internationalen Sports, nicht das eines Landes. Die Anklage führt die frühere Sprinterin Ines Geipel: „Es wurde überall gedopt, aber nirgends so als ausgeklügeltes System.“

Mit den verschiedensten Mitteln bildet die DDR jedenfalls ein Spitzensportsystem heraus, das dem der Bundesrepublik überlegen ist. Der Breitensport hat mit diesem Aufstieg nie mithalten können. Leistung und Disziplin sind eben am wichtigsten. Zu sehen ist das beim Deutschen Turn- und Sportfest in Leipzig „Fast Dressur“ nennt es Behrendt. „TURNER AUF ZUM STREITE“ zeigen Tausende mit Papptafeln auf den Tribünen des Zentralstadions an, „eine überzeugende Demonstration der Lebensfreude“ kommentiert das Fernsehen, während Bilder von Sportlerinnen zu sehen sind, die in Formation und einheitlicher Kleidung durchs Stadion marschieren – die Preußen des Sports. Friedhard Teuffel

„Die Goldmacher – Sport in der DDR“, Arte, 21 Uhr

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