Sportfernsehen reloaded : Tore und Tabu

Das DSF benennt sich um und startet eine Programmoffensive– der große Sport läuft weiterhin woanders

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Eigentlich ist das ein gutes DSF-Thema: Der Skandal um den ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Amerell und dessen Rücktritt vor ein paar Tagen von allen DFB-Ämtern, wegen des Vorwurfs, er habe einen jungen Bundesliga-Referee sexuell belästigt. Vor Monaten, im Mai 2009, hatte das Deutsche Sport Fernsehen (DSF), das sonst eher mit Kampf- und Motorsport sowie dem Top-Spiel der Zweiten Liga auf sich aufmerksam macht, eine Reportage über Homosexualität im deutschen Fußball im Programm: „Tabubruch – Der neue Weg von Homosexualität im Fußball“. Und richtig, am Mittwochabend äußerte sich Manfred Amerell im täglichen DSF-Magazin „Bundesliga Aktuell“ zu den Vorwürfen gegen seine Person, sein „neues“ Leben in der Anonymität, die weitere rechtliche Vorgehensweise sowie – Selbstmordgedanken.

DSF-Geschäftsführer Zeljko Karajica dürfte sich in der Münchner Senderzentrale mit diesen exklusiven Schlagzeilen zufrieden zurückgelehnt haben. Seit Juni 2009 hat er den neuen Job beim Nischensender, und der „Fall Amerell“ ist mal etwas anderes als der Streit mit Jugendschützen und Medienwächtern um die Zulässigkeit von Extremsportarten oder um Telefon-Call-ins und Erotik-Clips im Spätprogramm. Und wenn sich der Fernseh-Sender DSF und das bekannte Online-Portal Sport1 ab 11. April unter der neuen Multimedia-Dachmarke Sport1 präsentieren, wie es der DSF-Eigner Constantin Medien vor Wochen beschlossen hat, soll sowieso einiges anders werden.

DSF wird zu Sport1, eine seit Jahrzehnten eingeführte Marke verschwindet – normalerweise sorgt das für viel Verwirrung und Wirbel unter Mitarbeitern und Zuschauern, wie Mitte 2009 die Umbenennung von Premiere in Sky. Hört man sich beim DSF um, hat man eher das Gefühl, es könne nach Jahren der Stagnation jetzt alles nur noch besser werden.

Doch bei allen bemerkenswerten Reportagen, „Tabubruch“ wurde jetzt sogar für den Grimme-Preis nominiert – investigativen Sportjournalismus à la ZDF-„Sport Spiegel“ dürfte es beim führenden deutschen Sportsender für Männer im Free-TV auch unter dem neuen Namen Sport1 vermutlich nicht geben. Eher doch die eine oder andere Sportart, die vom großen Rechte-Kuchen übrig bleibt, wie Live-Übertragungen aus der Handball- und Basketball-Liga, die bezeichnenderweise die Namen ihrer Sponsoren tragen. Das weiß auch Zeljko Karajica. Immerhin, die Einführung der neuen Dachmarke Sport1 gehe mit einer umfangreichen Programmoffensive einher, sagt der Geschäftsführer. „Damit haben wir bereits Anfang des Jahres begonnen: Wir werden 2010 über 1150 Stunden Live-Sport ausstrahlen – unter anderem die deutsche Handball- und Basketball-Bundesliga.“ Das sei eine Steigerung von über zehn Prozent im Vergleich zum letzten Jahr. Zudem habe sich das DSF (demnächst Sport1) auch Übertragungsrechte an der Eishockey-WM im Mai in Deutschland und an den Leichtathletik-Meetings der IAAF Diamond League gesichert. Der News-Bereich, siehe „Bundesliga Aktuell“, solle ausgebaut werden.

Fußball bleibe Schwerpunkt. Die Rechte an der Bundesliga und Zweiten Bundesliga sind bis einschließlich der Saison 2012/2013 fest vergeben. Bis dahin hält der Sportsender die Free-TV-Erstverwertungsrechte an den Spielen der Zweiten Bundesliga mit den Spielzusammenfassungen am Freitag und Sonntag sowie dem Live-Spiel am Montagabend. Zudem habe das DSF auch „umfangreiche Rechte“ zur Bundesliga-Nachberichterstattung erworben.

Live-Spiele, Live-Tore kann das natürlich nicht ersetzen. Die Frage, ob mit Constantin Medien im Rücken, in naher Zukunft nicht wieder ein Versuch gestartet werden sollte, wie noch vor einem Jahr Sonntagsspiele der Ersten Liga exklusiv zu bekommen, lässt der DSF-Chef unbeantwortet. Immerhin, mit der sonntäglichen Journalisten-Talk-Runde „Doppelpass“, die beim DSF stets über dem Quotenschnitt von 1,5 Prozent in der Kernzielgruppe Männer von 14 bis 49 Jahren liegt, behält Sport1 ein As im Ärmel. Udo Lattek ist zwar schon weit über 49, wird aber weiterhin als Experte mit von der Partie sein. Gemeinsam mit Moderator Jörg Wontorra werde Lattek auch während der Fußball-Weltmeisterschaft den „WM Doppelpass“ präsentieren.

Ein Problem ist das DSF Anfang des Jahres losgeworden: durch den Wegfall der Erotik-Call-in-Schiene ab 23 Uhr. Sporttainment ist das Zauberwort. „Wenn die Zuschauer um diese Zeit zu uns schalten, sehen sie neue Formate wie montags die ,Liga total! Spieltaganalyse’ oder am Donnerstag das ,Golf Journal’“, sagt der DSF-Geschäftsführer. Das sei gut für die Reichweiten und das Image. Doch was ist mit den Kampfsportarten, ein ähnliches Ärgernis für Zuschauer, die zu später Stunde von den größeren Sendern zum DSF herüberzappen und erschrecken über Menschen, die sich durch die Gegend schmeißen? Erst kürzlich hat die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) die Fernseh-Übertragung umstrittener Käfig-Kämpfe nach vielem Hin und Her zum Großteil für zulässig erklärt. Nur eine von 13 Folgen, die das DSF im Oktober sendete, habe gegen die Bestimmungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags verstoßen, da sie vor 23 Uhr ausgestrahlt wurde.

Die Kommission sieht allerdings den Bedarf, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für mögliche negative Wirkungen solcher Formate zu sensibilisieren. Karajica indes kann nicht erkennen, dass „in unserem Programm gesellschaftlich anerkannte Gewalttabus gebrochen werden würden“. Seine Definition von Sport stehe im Gegensatz dazu: „Das Kräftemessen nach vorgeschriebenen Regeln, Fairplay und das Gemeinschaftserlebnis – das ist unser Verständnis von Sport.“ Der aktuellen Diskussion wolle man sich aber nicht verschließen. 

Nicht alles wird neu also beim DSF mit dem Namen Sport1. Ein schwieriges Jahr für einen Sender-Relaunch, alleine schon wegen der Olympischen Winterspiele und der Fußball-WM. Deren Übertragungen laufen weiterhin woanders, bei den großen Sendern oder dem Konkurrenten Eurosport. Und der „Fall Amerell“ ist auch bald kein Thema mehr.

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