Sprache und Medien : Alles außer Hochdeutsch

Früher peinlich, heute cool. TV und Radio versuchen, mit Dialekten zu punkten. Besonders kleine, regionale Stationen erhoffen sich davon bessere Einschaltquoten. Bayrisch steht vorn in der gesamtdeutschen Beliebtheit - Sächsisch ganz hinten.

Sonja Pohlmann

Eigentlich mag Jan Hofer Dialekte. Rheinisch kann er beispielsweise auf Kommando nachmachen – darf er aber nicht, zumindest nicht in der „Tagesschau“. Perfekt muss hier jedes Wort ausgesprochen werden, Sprechtrainer sorgen dafür, dass bei den Moderatoren nicht die geringste regionale Färbung zu hören ist. „Bei uns geht es um Informationen, Dialekte würden nur ablenken. Und als bundesweite Sendung müssen wir unbedingt neutral sein“, sagt Hofer.

Dialekt erinnert an Heimat und spricht Gefühle an

Doch so intensiv wie „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ achten im deutschen Fernsehen immer weniger Sender auf die dialektfreie Aussprache ihrer Moderatoren, stellt Sprachforscher Alfred Lameli fest. Auch im Radio höre man reines Hochdeutsch seltener als früher – und viele Menschen seien dankbar dafür. „In einer Welt, in der sie flexibler und mobiler sind und sein müssen, erinnert sie ein Dialekt an Heimat und spricht ihre Gefühle an“, sagt Lameli, der an der Universität Marburg Dialekte erforscht.

Die Rechnung der Sender ist einfach: Wenn Zuhörer und Zuschauer sich wohlfühlen, schalten sie auch lieber ihren Sender ein. So wird plötzlich der Dialekt, der früher oft als Bauernsprache verschmäht wurde, zum Marktvorteil.

Sächsisch gilt als unbeliebtester Dialekt in Deutschland

Hofer merkt das regelmäßig in seiner MDR-Talkshow „Riverboat“, die in Leipzig produziert wird. Spricht hier einer seiner Gäste sächsisch, schnellt die Einschaltquote in die Höhe – allerdings nur im Osten. Sächsisch gilt als unbeliebtester Dialekt in Deutschland, Bayerisch als beliebster. So gehört die BR-Serie „Dahoam is Dahoam“, in der nur bayerisch gesprochen wird, zu den erfolgreichsten Soaps im deutschen Fernsehen.

Aber generell müssen die Programmverantwortlichen aufpassen: zu stark darf der Dialekt nicht sein. Lameli erkennt eher einen „Regiolekt“, eine leichte regionale Färbung. Richtiges Niederbayerisch oder Plattdeutsch würden heute selbst Menschen nicht verstehen, die aus Bayern oder Norddeutschland kommen. Zu ausgestorben seien diese Mundarten.

Verdrängung und Reanimierung der Dialekte durch die Medien

Dass Paradoxe ist: Die Medien haben erst dazu beigetragen, dass die Dialekte verschwanden. Mit dem Radio hatte Mitte der 20er Jahre das Hochdeutsch Einzug in viele Haushalte gehalten. Es galt als prestigeträchtig, wurde in allen Regionen verstanden – und setzte sich so gegen die Dialekte durch. Heute ist es genau andersherum: „Viele Jugendliche erfahren erst durch Fernsehen und Radio, wo welche Dialekte gesprochen werden“, sagt Lameli. Comedians wie beispielsweise Michael Mittermeier oder Atze Schröder würden Stereotype verkörpern, über die Jugendlichen regionales Wissen lernen. Auch Werbung trage dazu bei, beispielsweise wenn bei der Weißbierwerbung bayerisch gesprochen wird oder sich das Land Baden-Württemberg damit rühmt, alles außer Hochdeutsch zu können. Inzwischen können 16-jährige Schüler Dialekte mitunter besser verorten als Erwachsene, hat Lameli herausgefunden.

Erklingt der Heimatdialekt, hören aber nicht nur Leipziger genau hin. Als ZDF-Reporter Udo van Kampen am 11. September 2001 über den Terroranschlag in New York berichtete, erhielt der Sender viele Zuschauerbriefe – vor allem von Pfälzern, die nur eines interessierte: „Ist das einer von uns?“ wollten sie über van Kampen wissen, der, emotional aufgewühlt, noch stärker als sonst in seine Muttersprache Pfälzisch verfallen war. Van Kampen steht zu seinem Dialekt. „Das ist mein Erkennungszeichen, und ich empfinde es als angenehm, dass mich die Leute dadurch zuordnen können“, sagt van Kampen. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gehört er aber eher zu den Ausnahmen. Denn es sind vor allem private und regionale Sender, die mit sprachlichen Färbungen ihrer Moderatoren punkten wollen, sagt Lameli. Dazu gehören auch Berliner Radiosender wie 94,3 RS2. „Wenn ich ab und an berlinere oder Wörter wie Schrippe und Stulle benutze, bin ich näher dran an der Lebenswelt der Hörer und wirke authentischer“, sagt Moderatorin Sarah Zerdick.

Berliner sind sehr dialekttollerant

Auch der RBB hat nichts gegen eine leicht regionale Sprachfärbung in seinen Sendungen – die nicht einmal berlinerisch sein muss. So darf „Abendschau“-Reporter Joachim Rüetschi seine Beiträge mit Schweizer Akzent sprechen, seinem Kollegen Kemal Hür ist die türkische Herkunft anzuhören. Beschwert hat sich darüber noch kein Zuschauer, sagt „Abendschau“-Chef Peter Laubenthal: „Die Berliner sind als Großstädter so viele verschiedene Akzente und Dialekte gewohnt und deshalb sehr tolerant.“

„Abendschau“-Moderator Sascha Hingst lässt ebenfalls ab und an Dialekte einfließen, die er beherrscht. „Dadurch steigt man vom vermeintlich hohen Ross des Nachrichtensprechers herunter und zeigt den Zuschauern, ,Ich bin einer von euch‘“, sagt Hingst. Ein Wohnzimmergefühl vermitteln, nennt er das auch. Nur eines dürfte er vermutlich gar nicht: Sächsisch sprechen – da schalten dann wohl selbst die toleranten Berliner ab.

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