Medien : Springer im Kopf

Wie der neunjährige Xaver Neuhäusler ein Schachproblem löste

Bas Kast

Wir schreiben das Jahr 1758. Der begnadete Schweizer Mathematiker Leonhard Euler hält sich gerade in Berlin auf – da schießt ihm plötzlich ein seltsames Problem in den Kopf: Nehmen wir ein leeres Schachbrett und einen Springer. Könnte man das Pferd, das nur in L-förmigen Sprüngen über ein Schachbrett „springen“ darf, so ziehen, dass es alle Felder einmal und nur einmal besucht? Und wenn ja, wie viele solcher Reisen gibt es?

Ja, lautet die Antwort auf die erste Frage – das bewies am Sonnabend ein neunjähriger Junge, und zwar in der gleichen Stadt, in der Euler sich das Problem ausgedacht hatte: in Berlin. In der ZDF-Sendung „Wetten, dass..?“ ließ Xaver Neuhäusler sein Pferd von einem beliebigen Ausgangspunkt innerhalb weniger Minuten von Feld zu Feld hüpfen – und zwar mit verbundenen Augen.

Wette gewonnen.

Dazu musste der Junge 64 „Rösseltouren“ auswendig lernen. Ein normales Schachbrett hat 64 Felder, und sobald der Junge sein Ausgangsfeld kannte, brauchte er ja nicht alle möglichen Reisen von diesem Startpunkt zu kennen, sondern nur eine Tour von 63 Zügen. Insgesamt musste er dafür immerhin 4032 Züge (64 Ausgangspunkte mal 63 Züge) auswendig lernen! Stimmt’s?

Stimmt nicht. Dazu nur ein einfaches Beispiel: Von jedem der vier Eckpunkte des Schachbretts kann man die gleiche Rösseltour machen. Da ein Schachbrett symmetrisch ist und man es so in Teile spalten kann, von deren Feldern aus man identische Touren machen kann, reduzierten sich die Reisen, die der Junge auswendig lernen musste, enorm.

Dennoch: Es bleibt eine erstaunliche Aufgabe, die der Junge gelöst hat, nicht nur was das Gedächtnis, sondern auch was das räumliche Vorstellungsvermögen betrifft. Wie kommt es, dass bestimmte Menschen schon in jungen Jahren zu solchen Denkleistungen imstande sind? Wie sieht es aus in ihren Köpfen? Anders als bei uns?

Bislang weiß man nur wenig über die Fähigkeiten von Ausnahmetalenten, aus einem einfachen Grund: Diese Menschen sind selten, so lassen sie sich auch nur selten studieren. Trotzdem gibt es Studien, die zeigen, dass besonders Begabte ihr Denkorgan anders benutzen als Normalsterbliche. Die Resultate dieser Untersuchungen sind zum Teil sehr überraschend. So konnte der US-Psychologe vom Brain Imaging Center der Universität von Kalifornien in Irvine nachweisen, dass Hochintelligente nicht mehr, sondern weniger Energie im Gehirn verbrauchen, während sie komplizierte IQ-Aufgaben lösen. Wie lässt sich das erklären? Forscher vermuten, dass intelligentere Menschen beim Problemlösen nur die Nervenzellen aktivieren, die sie tatsächlich brauchen. Nebensächliches wird bereits im Vorhinein abgeschaltet. So können sie sich besser auf die Aufgabe konzentrieren, kommen gezielter zu einer Lösung – und verbrauchen dabei weniger Energie.

Mehrere neue Untersuchungen scheinen dieses „Genie-Prinzip“ zu bestätigen. Psychologen der Universität Graz konnten zeigen, dass das Hirn intelligenter Menschen nicht nur insgesamt weniger aktiv ist, sondern auch fokussierter arbeitet: Ein Intelligenztest aktiviert bei Superhirnen nur die notwendigsten Hirnareale. Bei den weniger Intelligenten werden hingegen auch Regionen erregt, „die mit der Aufgabenbearbeitung eigentlich gar nichts zu tun haben“, fasst Studienleiter Aljoscha Neubauer zusammen.

Ein Rätsel bleibt, wie Hochbegabte diese Fokussierung erreichen und warum manche Kinder sie schon in frühen Jahren zu erlangen scheinen. Das derzeit wohl bekannteste Wunderkind hat dafür eine einfache Erklärung. Es heißt Chantelle Coleman, ist britisch und inzwischen ein Teenager. Im Alter von drei Jahren maß man bei ihr einen IQ von 152 Punkten. Mit 14 Monaten sprach das Mädchen vollständige Sätze. „Ich musste so schnell sprechen lernen“, erklärte sie ihrer Mutter später, „vorher konnte ich ja nur schreien, und da hat mich keiner verstanden.“

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