Medien : Stadt der Liegenden

Wenig Motive, Gratis-Models: Die Kampagne „Mir geht’s Berlin“ zeigt, wie schwer sich Hauptstadt-Werbung tut

Reinhard Siemes

Ab dem 11. Juli werden 70 deutsche Städte mit der sensationellen Botschaft überrascht, dass Berlin die Stadt des Bären und des Brandenburger Tors ist. Damit auch Thailand- Touristen diese beiden Symbole richtig verstehen, liegt eine junge Dame mit dem haarigen Kuscheltier und einem goldenem Tor-Modell auf einem vermutlichen Hotelbett, welches ab 39 Euro zu haben ist. Im Doppelzimmer, versteht sich. Gegen die Proteste eines bigotten Damenvereins aus Nürnberg ist vorgesorgt: Das Kleid der liegenden Dame ist nur seitlich geschlitzt, und sie hält die Augen geschlossen wie zu einer Abendandacht. Und weil diese Andacht vom Berliner Bürgermeister gehalten wird, kann auch der ärgste Schuft nichts Böses denken: Berlin ist eine platonische Stadt, in der Langhans (Tor), Schadow (Quadriga) und Margarete Steiff (Stofftiere) das Sagen haben. Der erfahrene Werber nennt so etwas Reduktion auf das Wesentliche. Und damit keine anderen Vorstellungsbilder von Berlin entstehen, wird allein diese Reduktion penetiert (ein Begriff, der ebenfalls aus dem Sprachschatz der Werbeprofis stammt).

Die vermeintliche Bildarmut hängt mit dem Werbeetat zusammen, den es nämlich nicht gibt. Die Plakatflächen hat die Firma Ströer City-Marketing zur Verfügung gestellt, die Dame ist eine kostenlose Kreativleistung der Werbeagentur „Die Brandenburgs“, und die technischen Kosten wurden vom „Berlin Tourismus Marketing“ gesponsert. „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht auf den Bären“ mag sich darum Klaus Wowereit gesagt haben, als ihm die Agentur die Liegende und fünf weitere Plakatmotive präsentierte. Allerdings erhebt sich die Frage, warum der Regierende und die anderen Entscheidungsträger des Senats auf ein derart aussageloses, aber vielsagendes Plakatsujet verfielen. Denn bei aller Kostenlosigkeit sollte man nicht vergessen, dass die Plakate für Berlin stehen und das Ziel haben, deutsche Besucher in die Hauptstadt zu locken. Und zwar nicht nur zur Oranienburger oder zur Straße des 17. Juni. Sondern auch auf die Museumsinsel.

Die Frage ist bei allen Tourismuskampagnen die gleiche: Was zeigen, wenn nicht den Eiffelturm, das Männecken Piss, den Schiefen Turm, das Hofbräuhaus, den Kreml? Vor einigen Jahren hat ein Berliner Innensenator, dessen Name mir nicht mehr einfällt, vor einer Gruppe Werber eine viel beachtete Rede gehalten: „Wir haben gerade ein neues Symbol für den Berlin-Tourismus verabschiedet. Und niemand von Ihnen wird auch nur ansatzweise vermuten, wie es aussieht. Es ist ein stilisiertes Brandenburger Tor.“ Der Mann bekam tosenden Beifall für diese Selbstironie.

Mithin bleibt den 15 bis 20 Millionen Deutschen, die der liegenden Dame einige Wochen ausgesetzt sein werden, nur eine Deutung: Das Plakat ist weder Werbung noch Anzüglichkeit. Sondern bestes Weddinger Kabarett. Schon das Sätzchen „Mir geht’s Berlin“: ein absoluter Brüller. Da stelle ich mir unweigerlich einen Touristen aus Hamburg vor, der neben der Liegenden genächtigt hat und beim Aufstehen über das Brandenburger Tor gestolpert ist, wahlweise über den Bären. Jetzt liegt er mit gebrochenem Knöchel in der Charité, der Chefarzt fragt bei der morgendlichen Visite „Wie geht es uns denn heute?“ – „Mir geht’s Berlin“, antwortet der. Und das Stethoskop kriegt vor Lachen einen Darmverschluss.

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