Medien : Stadtschloss: Berliner Hamlet-Frage

Jochen Meissner

"Im Grunde ist das Schloss eine Art Traumschiff", sagt Wilhelm von Boddien in Anspielung auf die beliebte ZDF-Fernsehserie. Mit geblähten Segeln hat er Erfahrung, seitdem er 1993 die Schlossfassade als Attrappe wiederauferstehen ließ. Als Projektionsfläche der Sehnsüchte für die Bürger, "die morgens aus ihrer genormten Wohnung mit genormten Verkehrsmitteln zu ihrem genormten Arbeitsplatz fahren, um nach Feierabend erschöpft in die genormte Kiste zu glotzen", möchte Wilhelm von Boddien das Stadtschloss wiederaufgebaut sehen. Heute Abend um 22 Uhr 30 wird auf B 1 zwar nicht das Traumschiff wiederholt, aber wenigstens stellt Autorin Heike Wilke die Berliner Hamlet-Frage: Schloss oder nicht Schloss?

Während Boddien und sein Förderverein ein "neues altes" Schloss mit drei rekonstruierten Fassaden und modernem Innenleben will, kann es anderen nicht originalgetreu genug sein. Eine genaue Rekonstruktion würde allerdings um die acht Milliarden Mark kosten und etwa 30 Jahre Bauzeit beanspruchen. Da käme der Vorschlag der Initiative "Pro Palast" billiger, denn die will ihren alten Palast wiederbeleben. Der "Verein zur Erhaltung des Palastes der Republik" wiederum will beides: den Palast mit Palmengarten, Solarzellen und einem Caféhaus auf dem Dach und dazu die vordere Hälfte des Schlosses direkt am Kupfergraben.

Für Andrea Ueberschaer ist es regelrecht absurd, statt ein Symbols deutscher Identität zu gestalten ein preußisches Staatsschloss wiederaufzubauen. Andrea Ueberschaer plädiert im Internet ( www.palastprojekt.de ) für einen "World Peace Ballroom".

Auch über die Nutzung ist man noch geteilter Meinung. Die Landesbibliothek würde gerne einziehen, jüngst haben auch die Dahlemer Museen ihr Interesse angemeldet. Ein "Berliner Louvre", der die Museumsinsel fortsetzt, ist ebenso vorstellbar wie ein deutsches "Centre Pompidou".

Heike Wilke hat nicht nur mit Architekten, Architekturkritikern, Stadtplanern und engagierten Laien gesprochen, sondern auch einen Blick nach Paris geworfen. Dort wurden die 1871 niedergebrannten Tuilerien aus republikanischen Gründen nicht wiederaufgebaut.

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