"Sue" von Amos Kollek : "Sue - Eine Frau in New York": Einsam in der großen Stadt

Mechthild Zschau

Das Licht beißt weiß und kalt in Sues Lockenkopf. Ihr Vermieter argumentiert so höflich wie erbarmungslos und ahnt nicht, dass er ein Todesurteil ausspricht. Arbeitslos, bald auch wohnungslos in New York? Sue mäandert durch die riesige winterliche Stadt. Trinkt hier einen Kaffee, spricht dort einen Menschen an, irgendwo, auf der Straße, in der U-Bahn, im Schnellimbiss, verliert das Gespräch wieder, bedankt sich, entschuldigt sich, zieht weiter, versucht wieder und wieder, einen Job zu finden. Ergattert einen, verliert ihn ohne Grund. Sitzt auf der Parkbank, löst Kreuzworträtsel. Der alte schwarze Mann neben ihr fragt sie plötzlich: "Würden Sie mir Ihre Brüste zeigen?" Sie ist erschrocken, fordert Geld, und dann hebt sie doch den Pullover, schnell, wie selbstverständlich, bedankt sich und geht. Wie eine Schlafwandlerin mit einem seltsam undurchdringlichen Raum des Schweigens um sich herum. Sie trifft die Hure Lola, die die Barrechnung mit der Pistole begleicht. Sie begegnet Linda, die begreift, dass Sue über sehr dünnes Eis geht und ihr helfen will. Der nette Ben verliebt sich in sie. Aber gerade die Menschen, die es gut mit ihr meinen, stößt Sue vor den Kopf. Sie empfindet alle als ebenso zufällig wie sich selbst.

Wer ist diese Frau mit den großen, hellen Augen, die so unerhört traurig in die Welt schauen? Ein Engel? Eine ewige Looserin? Oder einfach eine scheußlich einsame Frau?

Dem amerikanischen Independent-Filmer Amos Kollek, Sohn des langjährigen Jerusalemer Bürgermeisters, gelingt ein kleines Meisterwerk voller Zwischentöne und Abgründe (Arte, 20 Uhr 45). Er kenne Frauen wie Sue, beteuert er, er habe sie nicht erfinden müssen. Und hat die so unspektakuläre wie bewegende Geschichte seiner Lieblingsdarstellerin Anna Thomson auf den Leib konzipiert. Sie kommt mit kleinsten mimischen Mitteln aus. Ein Entrinnen ist unmöglich.

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