Tablet-Medien : Kommt Zeit, kommt App

100 Tage nach dem Start des iPads sind die Angebote der Verlage überschaubar. Es wird zu wenig über attraktive Inhalte und verführerisches Storytelling nachgedacht.

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80.000 Mal wurde die App des "Spiegel" bisher heruntergeladen. Foto: Spiegel
80.000 Mal wurde die App des "Spiegel" bisher heruntergeladen.Foto: Spiegel

Von solchen Zahlen träumen die deutschen Verleger: 180 000 Mal verkaufte Condé Nast in den USA die Apps der Magazine „Wired“ und „GQ“ fürs iPad – allein im Juni. Die deutsche Dependance des Hochglanzverlags ist dagegen mit insgesamt 41 000 heruntergeladenen Apps seines Modemagazins „Vogue“ seit dem Start Ende Juni zufrieden.

Dass die Amerikaner mit ihren Anwendungen mehr Erfolg haben, liegt wesentlich an der größeren Verbreitung von Apples Tablet-PC in den USA, der dort seit dem 3. April verkauft wird, in Deutschland erst seit dem 28. Mai. Weltweit wurde das iPad knapp 3,6 Millionen Mal verkauft. Für Deutschland weist Apple keine separaten Zahlen aus. Doch die Menge ist nicht der alleinige Grund, dass sich knapp 100 Tage nach dem iPad-Start viele Verlage entweder noch nicht an den Hoffnungsträger für ihre Branche herangewagt oder das Potenzial noch nicht ausgeschöpft haben. „Grundsätzlich denken die deutschen Verlage vielleicht ein bisschen zu viel über Logistik und ein bisschen zu wenig über neue attraktive Inhalte, verführerisches Storytelling auf den Tablets nach“, sagt Lukas Kircher, Zeitungsdesigner und Geschäftsführer der Medienagentur Kircher Burkhardt. Im internationalen Vergleich sei bei den deutschen Verlagen „noch deutlich Luft nach oben“, sagt Kircher.

Tatsächlich bieten die meisten Verlage bisher nur Apps für internetfähige Telefone wie das iPhone an, die dann allerdings auch auf einem iPad funktionieren. Mehr als 30 solcher Anwendungen von Zeitungen hat der Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) gezählt. Auf dem iPad sind hingegen bisher nur wenige Verlage mit Apps vertreten, dazu gehören „Spiegel“, „Vogue“, „Brand Eins“, Focus Online und Publikationen des Axel Springer Verlags. Bald will auch die „Zeit“ eine iPad-App herausbringen, ebenso der Tagesspiegel.

Mehr als 80 000 Mal wurde die iPad-App des „Spiegel“ bisher heruntergeladen, „Brand eins“ verkaufte 2500 Einzelausgaben, Focus Online verzeichnet knapp 70 000 heruntergeladene Apps. Der Axel Springer Verlag teilt nicht mit, wie oft seine drei Apps bisher herunter geladen wurden. Zu ihnen gehören eine „Welt“-App, eine App des Lifestyle-Magazins „The Iconist“ und eine App iKiosk, über die die „Welt“, „Welt kompakt“ und „Welt am Sonntag“ abrufbar sind – allerdings nur als PDF-Version. Ein nicht besonders attraktives Angebot, meint Werner Lauff, der gerade für den BDZV eine Studie zum Thema E-Publishing verfasst hat. „Natürlich kann man recht schnell PDF-Versionen der Zeitungen anbieten, aber neue spannende Apps brauchen schon ein wenig mehr Überlegung und Planung“, sagt Lauff.

Der Fehler der Verlage sei, dass einige weniger an Diversifizierung, dafür mehr an Zweitverwertung denken. „Diese Verlage fragen sich eher: Wie kann ich diese Plattform besetzen, ohne viel Aufwand zu haben? Wie kann ich mein Redaktionssystem aufbohren und, quasi automatisch, ein weiteres Produkt erstellen? Das wird nicht viel bringen. Die Nutzer sind anspruchsvoll. Und vor allem sollten die Verlage keine App machen, die Ähnliches enthält, was es schon im Web kostenlos gibt.“

Hatten die Verlage beim stationären Internet den Fehler gemacht, ihre Inhalte kostenlos zur Verfügung zu stellen, hoffen sie nun, über Apps fürs iPad und iPhone das klassische Geschäftsmodell der Zeitungen, nämlich Vertrieb- und Anzeigenerlöse, in die digitale Welt zu übertragen. „Vorteilhaft ist, dass Apple mit iTunes ein Bezahlsystem etabliert hat, dass keine große Hürde darstellt, eingeübt ist und allgemein akzeptiert wird“, sagt Holger Kansky, der sich beim BDZV mit Multimedia-Themen befasst.

Sich in die Abhängigkeit von Apple zu begeben, ist für die Verleger allerdings nicht unproblematisch. Der US-Konzern behält sich vor, die Inhalte zu kontrollieren. Deshalb „sollte genau überlegt werden, ob die Verlage den elektronischen Kiosk nicht selber betreiben sollten“, sagt Alexander von Reibnitz vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger. Der Verband erwartet nach dem Weihnachtsgeschäft eine erhebliche Zunahme der verfügbaren Endgeräte, auch, weil dann neben Apple mehrere Hersteller von Tablet-PCs am Markt sein werden. „Dann werden auch immer mehr attraktive E-Publishing-Ausgaben der Verlage erscheinen“, ist sich von Reibnitz sicher.

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