Talk : Heiße Vögel

Talk-Comeback nach der Sommerpause: Die Medienkampagne im Fall Kachelmann - und wie sie Anne Will zu meiden sucht.

Bernd Gäbler

Es war am späten Sonntag Abend ihr erster Auftritt nach der Sommerpause. Anne Will is back in der ARD, nachdem diese ihr signalisiert hatte, dass sie im Ersten künftig nur das fünfte Rad am Wagen der Talkflotte ist und bald Platz machen muss für Günther Jauch. Thema des Abends: „Der Fall Kachelmann – Justiz-Alltag oder Promi-Pranger?“ Anne Wills Stimme wirkte anfangs etwas brüchig. Statt wie üblich im Hosenanzug moderierte sie im Sommerkleid und stellte erst einmal klar, dass nicht diese Talkshow, sondern erst der Gerichtsprozess klären werde, ob der Wettermann der Vergewaltigung schuldig ist oder nicht. Die Frage der Talkshow sei, ob es nun ein normaler Strafprozess ist oder ob Promis an den Pranger gestellt würden. Schon die Tatsache dieser Themenwahl freilich gibt die Antwort: natürlich ist es ein besonderer Prozess!

Ende der Runde? Nein! Zunächst einmal verstolpert „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen ihr Statement, dass der arme Kachelmann unter einem Promi-Malus leide, sonst hätte er viel früher freigelassen gehört. Endlich sehen wir einmal, wie der viel zitierte Medien-Anwalt Christian Schertz aussieht. Die Staatsanwaltschaft sei es, die im Fall Kachelmann einen „Medien-Tsunami“ initiiert hätte. Etwas schwächer hält Alice Schwarzer dagegen, dass es gerade die erfahrenen Verteidiger Kachelmanns seien, die Journalisten gezielt mit Auszügen aus den Gutachten und Ermittlungsakten fütterten – in Erwartung positiver Berichterstattung.

In Kontroverse zu Friedrichsen läuft Alice Schwarzer zu Bestform auf. Kachelmann als „Luftikus“ und „Herzensbrecher“ zu bezeichnen, das sei doch wohl verharmlosend. Und auf Spiegel-Online habe Friedrichsen sogar die Hoffnung auf einen Freispruch für Kachelmann geäußert. Das will Frau Friedrichsen, die von einer „fürchterlichen Vorverurteilung“ spricht und sich fast wie eine Anwältin Kachelmanns gerierte, nicht wahrhaben. Dass sich ausgerechnet die beiden weiblichen Gäste über Jörg Kachelmann schwer in die Haare kriegen, gehört zu den dramaturgischen wie unterhaltsamen Höhepunkten der Talkshow. „Sie sind ja ein heißer Vogel“, ruft Alice Schwarzer Gisela Friedrichsen am Ende nach.

Die Chance nachzuhaken und auf Präzision zu beharren aber lässt Anne Will verstreichen, obwohl die Redaktion später doch noch das umstrittene Zitat aus Spiegel Online beschaffen kann.

Dass Jörg Kachelmann selber gerade eine Medienkampagne zu seinen Gunsten lostritt, ist Anne Will nicht entgangen. Sie tut alles, damit gar nicht erst der Verdacht aufkommen kann, ihre Talkshow könne ein Element dieser Kampagne sein. Sie bleibt neutral. Medienberater Hans-Hermann Tiedje findet das öffentliche Reden von Kachelmann taktisch nicht klug und spricht ansonsten stets von „der Dame“ und vom „Opfer in Anführungszeichen“. Auch Christian Schertz findet, dass er selbst der raffiniertere Anwalt wäre. Kachelmanns sexuelle Vorlieben gingen niemanden etwas an, weil sie mit dem Tatvorwurf nichts zu tun hätten. Woher weiß er das so sicher? Das erfragt niemand. Aber Anne Will macht immerhin auf den Widerspruch aufmerksam, dass Kachelmann einerseits gegen hohe Honorare Interviews gibt, andererseits den Axel-Springer-Verlag auf zwei Millionen Euro wegen dessen Berichterstattung verklagen will.

Viel Struktur hat das Talk-Hin und Her dann nicht mehr. Kaum Erhellendes bringt die vorsichtige „Sachverständige“ Sabine Schräer, die von Anne Will am Pult befragt wird. Viele Diskutanten teilen die Sorge, dass diese Art der Öffentlichkeit im Fall Kachelmann vergewaltigte Frauen abschrecken könnte, Anzeige zu erstatten. Wieder ist es Alice Schwarzer, die das Thema weitertreibt und auf jeweilige gesellschaftliche Grundströmungen bei großen Prozessen hinweist. Und der ehemalige Staatsanwalt Hansjürgen Karge, der durchgängig recht bodenständig wirkte, hat das Schlusswort. Als Richter würde er sich für den bevorstehenden Prozess auf den Zettel schreiben: „Lass‘ Dich nicht beeinflussen!“

Mit einem knalligen Thema ist Anne Will aus der Sommerpause gekommen. Es war fast ein Selbstläufer. So hat Anne Will gehörigen Streit in ihrer Sendung gehabt und dennoch Distanz zum Boulevard gewahrt.

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