Medien : Talk ist Talk ist Talk

NDR-Symposium zur Zukunft von Gesprächssendungen

Barbara Nolte

„Sie bemüht sich redlich“, so begann der Dortmunder Politikprofessor Thomas Meyer seinen Redebeitrag, und von Arbeitszeugnissen weiß man schon, dass dies ein sehr hinterhältiges Lob ist. Tatsächlich übte Meyer an diesem Freitag in Hamburg eine zwar nicht neue, aber seit langem nicht mehr so scharf geäußerte Kritik an Sabine Christiansen und ihrer Sendung. Thomas Meyer sprach vom „Gestus der Dekonstruktion“ seitens der Moderatorin, „der oft nicht konstruktiv genutzt werden könne“ – was nichts anderes heißt als: Sie tut nur so kritisch, bekommt aber nichts heraus. Er sagte, dass „das Eindrucksmanagement die Informationsvermittlung“ verdränge, womit er meinte, dass die Politiker bei Christiansen ihr Image pflegten statt Standpunkt rüberzubringen.

Sabine Christiansen, die neben Meyer auf dem Podium saß, ließ das nicht so stehen: Die Analyse ihrer Zuschauerpost zeige, sagt sie, dass die Zuschauer Inszenierungen durchaus durchschauen könnten. „Vieles kommt auch nonverbal rüber.“ Außer Meyer und Christiansen waren gestern Alida Gundlach, Hans Meiser, Eva Herman, Johannes B. Kerner, Michel Friedman, Hellmuth Karasek, Jörg Pilawa, Giovanni di Lorenzo, Hermann Schreiber – um nur ein paar Namen zu nennen – nach Hamburg gekommen: Deutschlands Talk-Elite.

Der NDR hatte zum so genannten Talk-Symposium mit dem Titel „Zukunft im Gespräch“ geladen, und es war schon eine absurde Situation: Talk-Moderatoren, die sich gegenseitig interviewten, die sich schmeichelten und voneinander abgrenzten. „Investigative Fragen“, sagte Hermann Schreiber, der die „NDR Talkshow“ in den 80er Jahren moderierte, seien bei den Talkshows „nicht mehr en vogue“ – das merkte man auch beim Symposium. Die Moderatoren gingen sehr freundlich miteinander um. Wolf Schneider, ebenfalls Ex-Moderator der „NDR Talkshow“, pflegte allerdings noch den konfrontativen Stil: „Herr Kerner“, sagte er zum jungen ZDF-Kollegen, „Sie geben nur Stichworte.“

Anlass dieses Art Klassentreffens war das 25-jährige Bestehen der „NDR Talkshow“, die zur klassischsten Gattung der Talkshows – die große, buntgemischte Runde – zählt, sich aber auch mit den Jahren weiterentwickelte. Hermann Schreiber berichtete, dass er früher viele Absagen von Politikern bekommen habe, weil diese fürchteten, „auseinander genommen zu werden“. Heute sind Politiker so geschult, dass an sie einfach nicht mehr heranzukommen ist.

Vielleicht war das die zentrale Frage des Symposiums: Wie bekommt man aus professionellen Eindrucks-Managern, wie Thomas Meyer sie nannte, noch etwas Unerwartetes, Authentisches heraus? Denn das sind die faszinierenden Momente bei Talkshows.

Michel Friedman, der in Hamburg einen seiner seltenen öffentlichen Auftritte hatte und verhaltener war als früher, glaubt noch immer an den Erfolg seiner insistierenden Fragen: „Mir hat es Lust gemacht zu prüfen, ob sich das, was ein Politiker sagt, bewährt“, sagte er. Sandra Maischberger sagte, dass es Friedman „mit Druck, Aggression“ gelinge, etwas aus seinen Gästen herauszubekommen: „Er nimmt den Menschen den Atem.“ Ihre Strategie sei es dagegen, eine persönliche Atmosphäre herzustellen, deshalb habe sie in ihrer Sendung „Menschen bei Maischberger“ seit vergangener Woche auch kein Studiopublikum mehr. Tagesspiegel-Chefredakteur und „3 nach 9“-Moderator Giovanni di Lorenzo glaubt: Man müsse die Menschen zum Reden bringen. Bei einer Talkshow sei nicht das Entscheidende, „was jemand sagt“, sondern dass die Sendung rüberbringen könne, „wie jemand ist“. Talkshows erklären Menschen, keine Sachverhalte.

Das Symposium war wie eine Talkshow selbst: anekdotisch-unterhaltend. Aber die Zukunft der Talkshow, wie im Titel versprochen, wurde nicht geklärt. Vielleicht kann sich das Genre nicht groß weiterentwickeln. Jörg Thadeusz, der von März an eine Talkshow im RBB-Fernsehen moderieren wird, sagte: „Ein Gespräch ist ein Gespräch ist ein Gespräch.“

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