Talkshow auf n-tv : Serdar Somuncu kehrt auf den Bildschirm zurück

War da was? Nachdem die letzte Folge nicht ausgestrahlt wurde, ist Comedian Somuncu mit seinem ungewöhnlichen Talk nun wieder zu sehen. Eine Begegnung.

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Nazi hier, Nazi da. Serdar Somuncu, 48, Kabarettist, unterwegs auf vielen Kanälen, ZDF, n-tv, Radio Eins, Bühne. Kanzler will der Gladbach-Fan auch noch werden.
Der Kabarettist Serdar Somuncu kehrt mit seinem n-tv-Talk zurück, als ob nichts gewesen wäre.Foto: n-tv

Ganz geheuer ist das Stephan Mayer nicht. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion wird vom Gastgeber gefragt, ob der ihn auch als „Nazi“ bezeichnen dürfe. Mayer muss sich schütteln. Vielleicht wird er nie wieder zu Serdar Somuncu in die Talkshow gehen. Vielleicht sind aber genau das die smarten Momente, die Punkte beim Zuschauer machen.

Es passiert ja nicht jeden Tag im deutschen Fernsehen, dass sich Politiker zu Comedians in die Talkshow setzen und nicht wissen, ob sie umarmt oder scharf angegangen werden. Genau genommen passiert das nur bei „So! Muncu!“, jenem Format auf n-tv, von dem bis vor Tagen gar nicht klar war, dass es beim Nachrichtensender weiter im Programm läuft. Am späten Dienstagabend gab es eine Art Comeback dieser erstaunlichen Sendung.

Zur Erinnerung: Die vergangene Ausgabe des monatlichen Talks, die Ende Februar laufen sollte, strich n-tv kurzfristig aus dem Programm. Die Folge, die sich auf recht doppeltem Boden mit Fake News und Breaking News befasste, genüge eigenen Qualitätsansprüchen nicht, meinte n-tv. Es gab dann einige Verwirrung, wer wem womöglich Schaden zugefügt habe, der Sender seinem Moderator, der Moderator seinem Sender. Vor zehn Tagen wurde erklärt, dass gemeinsam weitergemacht wird.

Wer Somuncu jetzt kurz nach der Aufzeichnung seiner neuen – nicht nur wegen CSU-Mann Stephan Mayer ziemlich gelungenen – Folge zum Thema „Wer hat Schuld an Erdogan?“ im RTL-Hauptstadtstudio so schiedlich-friedlich neben n-tv-Chefredakteurin Sonja Schwetje und Produzent Friedrich Küppersbusch sitzen sieht, fragt sich, ob da je etwas gewesen ist.

Von Zensur war mitunter die Rede. War es nicht eine besondere Sendung nach den Aufregungen der vergangenen Wochen? Nein, er habe diese Geschichte gar nicht so als Problem wahrgenommen. „Ich finde es einen normalen Vorgang, dass man innerhalb eines Senders auf die Befindlichkeiten achtet“, sagt Somuncu. „Da war vielleicht eine kleine Kommunikationslücke, die relativ schnell aufgeklärt wurde. Wir haben im Gewand des Nachrichtensenders Nachrichten verbreitet, die missverstanden werden konnten. Okay."

„Die wollen mich so haben, wie ich bin."

Dieses Breaking-News-Problem, das sei für ihn ein Lernprozess gewesen. „Natürlich fragen wir auch, warum ist das so? Wenn wir da eine plausible Erklärung bekommen, dann ist das absolut okay. Dann kann ich das als Künstler verstehen. Das heißt nicht, dass wir eingeknickt sind. Wir bleiben weiter mutig. Und das gemeinsam.“

Er habe schon viele Sendungen gemacht, die nicht ausgestrahlt wurden, ohne dass es eine Erklärung gab, im Unterschied zu n-tv. Es sei ja der Wunsch von n-tv, Somuncu im Programm zu haben. „Die wollen mich so haben, wie ich bin. Wir werden vielleicht noch mal so eine Sendung haben, wo es solche Irritationen gibt.“ Er fresse keine Kreide, teste aus, wie weit er gehen kann. Er suche diese Reibung zu dem Umfeld. „Was soll ich auf ZDFneo? Mich mit Jan Böhmermann rumschlagen? Bei n-tv ist es das exotischste Format im ganzen Sender.“

Vielleicht muss Somuncu das sagen. Möglicherweise stimmt es aber auch. Vielleicht haben sich hier ein Sender, ein Format und ein Gastgeber gefunden, die dem TV-Talk-Gewese trotz überschaubarer n-tv-Quote guttun, seit anderthalb Jahren schon. Jetzt, nach dem Beinahe-Krach, wird halt schärfer hingeschaut.

Die Qualität der neuen Folge ist schnell erfasst. Sollte Deutschland aus dem Flüchtlingsdeal aussteigen? Ist die Türkei eine Diktatur? Wie sind die Aussichten beim Referendum? Sollten hiesige Türken mitwählen? Ist die doppelte Staatsbürgerschaft ein Fehler? Überraschende Antworten von CSU-Politiker Mayer („Alle Parteien haben Integration verpennt“), Schauspieler Tayfun Bademsoy, „Spiegel“-Korrespondent Hasnain Kazim und dem deutsch-türkischen Boxer Ünsal Arik, der nach seinem im „Frühstücksfernsehen“ geäußerten Vergleich, Erdogan sei „Hitler 2.0“, nicht mehr in die Türkei einreisen sollte, wegen einer möglichen Verhaftung.

Wenn es fade zu werden droht, steht der Gastgeber auf und küsst seine Gäste. Oder die Studioband spielt. Oder Küppersbusch beschimpft den Moderator aus dem Off als „Nazi“. Der schimpft zurück.

Es soll anders sein bei Serdar Somuncu, eben nicht „Anne Will“. Aber auch nicht Krawall um des Krawalls willen. Randalieren könne er schließlich bei seinen Bühnenprogrammen. „Wir haben ja nicht den Anspruch, immer über irgendwelche Ziele hinauszuschießen“, sagt Somuncu. „Wir haben einen guten Rahmen, und wir gehen da so weit, wie wir gehen können.“ Er improvisiere allerdings auch. Wie bei den Wortwitzen mit Stephan Mayer, einem seiner Lieblingsgäste.

Der Mann gäbe einen guten Mephisto ab

„Ich finde das blöd, wenn alles immer so abgekartet ist in Talkshows, die CSU hat da meistens die Arschkarte.“ Umso ungewöhnlicher, wenn da der Gastgeber aufsteht und seinen Gast in den Arm nimmt, nachdem er ihn angegangen hat.

Dabei dürfe man nicht vergessen: Das mit der Gästeauswahl sei nicht einfach. „Erklären Sie mal den Politikern: Das ist eine Talkshow, wo der Moderator auch mal seine Gäste küsst.“ Andererseits, aus Sicht der Zuschauer: Was solle man denn zum 1000. Mal einen Talk gucken, wo Bosbach sitzt und Röttgen immer das Gleiche sagt?

Lieber Momente, wo die Kontrolle weg ist. Somuncu – schwarzer Anzug, rote Krawatte, der Mann gäbe einen guten Mephisto ab – kommt ins Schwärmen. Er will wissen, wie die zur Aufzeichnung eingeladenen Journalisten die Show fanden, nachdem die Gäste verschwunden sind. Nichts Falsches sagen oder schreiben, sonst schicke er seine türkischen Freunde.

Ein Scherz natürlich, klar. Aber vielleicht ist es doch besser in diesen Zeiten, manche Sachen klarzustellen. Alles gut also, lebenslang talken bei n-tv? Nein, es gebe bestimmte Parameter, die darüber entscheiden, ob so eine Sendung weitergehen kann oder nicht. Somuncu und Probono wollen nach den nächsten drei Folgen im Sommer schauen, ob und wie es bei n-tv mit ihm weitergeht. Der Moderator möchte sich ja auch noch für die „Partei“ in den Bundestag wählen lassen. Dann Gnade n-tv. „Wenn ich Kanzler werde, kaufe ich den Sender.“

„So! Muncu!“, n-tv, Dienstag, 23 Uhr 10; Mittwoch, 17 Uhr 10. Thema: „Wer hat Schuld an Erdogan?“

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