Talkshow : Sag’ mir, wo die Schwaben sind

Die Berliner Fernsehtalks sind Legion: Jetzt kommt auch noch "2+Leif" dazu. Ein politisches Streitgespräch soll es sein, zwei prominente Gäste – zur Premiere kommen Volker Kauder und Peter Struck, die Vorsitzenden der beiden Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD – treffen auf Moderator Thomas Leif.

Joachim Huber
Leif
Moderator Thomas Leif talkt jetzt montags mit zwei prominenten Gästen zu einem aktuellen Thema. -Foto: SWR

Luftlinie sind es 454 Kilometer von Berlin nach Mainz. Nach Stuttgart beträgt die Entfernung 631 Kilometer. In Berlin, da sind Regierung und Parlament, in Mainz sitzt der rheinland-pfälzische Teil des Südwestrundfunks (SWR), in Stuttgart das baden-württembergische SWR-Pendant. Zusammen bilden die drei Städte ein wunderschönes Dreieck, das nur einen gewichtigen Nachteil hat: Für den SWR ist es ein Bermuda-Dreieck.

Die stolze Zweiländeranstalt, nach Gebühreneinnahmen immerhin die Nummer zwei in der ARD nach dem WDR, spielt in der Hauptstadt, im politischen Berlin, keine Rolle. Zwar ist man am ARD-Hauptstadtstudio beteiligt, wo aber bleibt die wahrnehmbare Berlin-Präsenz von Deutsch-Südwest im ersten Programm? Für die beiden wichtigsten Talkshows, „Anne Will“ und „Hart aber fair“, stehen NDR und WDR ein, die „Tagesschau“ kommt aus Hamburg, der „Presseclub“ aus Köln und „Maybrit Illner“ gar von der Mainzer Konkurrenz, vom ZDF.

Mit dem neuen Jahr, mit dem Start des Superwahljahres 2009 soll alles anders werden. Kaum hat SWR-Intendant Peter Boudgoust sein Amt als ARD-Vorsitzender übernommen, schon startet das SWR-Fernsehen seine wöchentliche Talkshow „2+Leif“. Sie wird immer montags in Berlin produziert, mal in den Landesvertretungen von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, bevorzugt im Palais der Kulturbrauerei. SWR-Fernsehdirektor Bernd Nellessen sieht Unbedingtes auf das Publikum zukommen: „,2+Leif’ greift aktuelle Ereignisse und Diskussion auf und wird bald zu einem Muss für alle politisch interessierten Zuschauer.“

Ein politisches Streitgespräch soll es sein, zwei prominente Gäste – zur Premiere kommen Volker Kauder und Peter Struck, die Vorsitzenden der beiden Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD – treffen auf Moderator Thomas Leif. Das Trio will am Tag nach der Hessen-Wahl die Gegenwart und die Zukunft der großen Koalition diskutieren. Das Konzept der 30 Sendeminuten umreißt der Sender mit: „konfrontativ, aber konstruktiv, konzentriert und klärend“. Schon jetzt weiß der SWR, Thomas Leif stelle zielgerichtete, zielsichere Fragen.

Der 49-jährige Chefkorrespondent bestätigt das Vorurteil, dass, wer zum Fernsehen gehe, auch ins Fernsehen wolle. Der Journalist hat fleißig geübt. Zuletzt war er an der Entwicklung sogenannter „Presenter-Reportagen“ beteiligt. „Quoten, Klicks & Kohle – Der Kampf um den Zuschauer“, das letzte und wahrlich nicht beste Stück des promovierten Politikwissenschaftlers zeigte Leif selbst dann noch im Bild, wenn die Kamera längst auf die Gesprächspartner umgeschwenkt war.

Jetzt kommt „2+Leif“, Leif bigger than life! Er ist physisch da, wo er sich längst zugehörig fühlte – im Berliner Medienzirkus. Ob der auf die Sendung und den Mann aus Südwest gewartet hat? Die Talks aus dem politisch-publizistischen Komplex sind Legion. Selbst wenn man die Perspektive auf das Format „ein Gastgeber/zwei Gäste“ verengt, fallen einem schon drei Talks ein: „Was erlauben Strunz“ (N 24), „Studio Friedman“ (beide N 24), „Das Duell“ (n-tv). Alle werden in Berlin ausgetragen, alle holen sich ihre Gäste aus dem beschriebenen Milieu. Eine halbwegs originelle Einladungskultur ist nicht mehr möglich, wenn selbst in der dritten Reihe die Gesprächspartner knapp werden.

Gibt es zu viele Talkshows in Berlin, aus Berlin? Kann es eigentlich nicht geben, jede Talkshow schafft und sichert Arbeitsplätze, bei „2+Leif“ ist die Produktionsfirma AVE mit von der Partie. Außerdem ist die Frage viel zu berlinerisch, viel zu überheblich. Da hat man sich gerade noch vom Minister bei einem Stehrumchen langweilen lassen, da langweilt er einen schon wieder auf dem Bildschirm. Jenseits der Stadtgrenze gelten diese Dekadenzregeln nicht. Der arme Zuschauer in Pfalz und Schwaben muss immer andere Programme als das heißgeliebte SWR Fernsehen einschalten, wenn er die Berliner Luft schnuppern möchte.

Nach der ARD-Eifersuchtslogik müsste jetzt der Bayerische Rundfunk, er ist die Nummer vier in der Sender-Liga, nachziehen und ein schickes Talkshow-Format auflegen. Die Fernseh-Bayern haben doch den unschätzbaren Vorteil, dass die CSU – anders als jede Südwest-Partei – im Berliner Politorchester eine Geige spielt. Und dann die Bayerische Landesvertretung in der Behrenstraße, der ewig ehrgeizige BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb. A Wahnsinn!

„Das Duell“, 17 Uhr 10, n-tv; „2+Leif“, 22 Uhr 30, SWR Fernsehen; „Was erlauben Strunz, 23 Uhr 30, N 24

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