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Tatort-Check : So war der "Tatort" aus Kiel

Hartz 4, Jugendliche ohne Perspektive, vermüllte Wohnungen - und mittendrin eine Leiche. Im Kieler "Tatort" ermittelten Brandt und Borowski im Problembezirk Gaarden. Was war Fakt, was Fiktion?

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Borowski (Axel Milberg) befragt Jugendliche.
Borowski (Axel Milberg) befragt Jugendliche.Foto: ARD

In "Borowski und die Kinder von Gaarden" ermittelten der Kommissar und seine Kollegin Brandt im Kieler Viertel Gaarden. Eher fragwürdige Unterstützung erhielten sie dabei vom zwielichtigen Polizeibeamten Torsten Rausch, genannt "Rauschi", selbst ein echter Gaardener. Gemeinsam mussten sie den Tod von Onno Steinhaus untersuchen, einem vorbestraften Pädophilen, der gemeinsam mit Jugendlichen oft in seiner Wohnung gefeiert hatte.

Wieviel Wahrheit steckt im Fall „Borowski und die Kinder von Gaarden“?

Ziemlich viel. Denn für den neuen Kieler „Tatort“ mit Brandt und Borowski haben sich die Drehbuchautoren Eva und Volker A. Zahn von einem realen Fall inspirieren lassen. 2012 wurde in Berlin-Spandau der damals 55-jährige Harry M. von einem Jugendlichen erstochen. Der vorbestrafte Sexualstraftäter hatte in seiner Wohnung immer wieder Parties mit minderjährigen Jungen gefeiert und dabei offenbar den späteren Täter missbraucht. Der 15-Jährige, der als still und sensibel galt, soll M. deshalb aus Rache und Verzweiflung getötet haben.

„Das ist eine tragische Geschichte, die uns nachhaltig berührt und beschäftigt hat“, sagen die Drehbuchautoren. Für den Kieler „Tatort“ verlegten sie die Handlung um Onno Steinhaus dennoch in den Problembezirk Gaarden – sozusagen als Pendant zu Berlin-Spandau. „Wir wollten für den Borowski-„Tatort“ unbedingt eine Geschichte erzählen, die etwas mit Kiel zu tun hat. Wer sich mit dieser Stadt und ihren Problemen beschäftigt, stößt zwangsläufig auf die empörend hohen Zahlen zur Kinderarmut.“

Was zur nächsten Frage führt: Ist Kiel-Gaarden tatsächlich ein sozialer Brennpunkt?

Jein. Kiel-Gaarden gilt unter anderem als Problembezirk, weil dort die Kinder- und Familienarmut überdurchschnittlich hoch ist: Beinahe 60 Prozent der Kinder unter 15 Jahren leben dort in einkommensarmen Familien. Allerdings ist die Situation in bestimmten Vierteln von Lübeck, Berlin oder Bremen ähnlich prekär. Begonnen hat die Karriere von Kiel-Gaarden als „Ghetto“ mit dem Wegfall der traditionellen Arbeitsplätze auf den Werften. Gaarden wurde schleichend zum Arbeitslosenviertel. Ein weiteres großes Problem ist, dass trotz der schönen Altbauwohnungen nicht mehr in den vorhandenen Wohnraum investiert wird. Die Mieten sind dadurch sehr günstig, was die Wohnungen besonders für Menschen interessant macht, die Leistungen vom Jobcenter beziehen. In Kiel-Gaarden wohnen außerdem viele Bürger mit Migrationshintergrund.

Mittlerweile kämpft Kiel-Gaarden aber für seinen ehemals guten Ruf: Nirgendwo gibt es mehr soziale Projekte in Kiel als in diesem Viertel. Außerdem versucht die Stadt, Immobilieneigentümer dazu zu bewegen, mehr Wohnungen zu sanieren. Besserer Wohnraum soll „die soziale Mischung verändern“, so Helga Schreitmüller vom „Kieler Netzwerk gegen Kinderarmut“.

Viele Zuschauer waren nicht gerade begeistert. Sie bemängelten fehlenden Tiefgang und ausbleibende Spannung. So einige machten ihrem Ärger auf Twitter Luft:

Einiger Kritiker zum Trotz sahen den Kieler „Tatort“ im Schnitt 9,43 Millionen Zuschauer - das entspricht einem Marktanteil von 25,4 Prozent.

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