Tatort : Das Model und die Schnüfflerin

Pillen gegen Fettsucht: Ein "Tatort“ mit Risiken und Nebenwirkungen. Agata Buzek spielt das Model Kristina mit purer Körperlichkeit.

Tilmann P. Gangloff
Tatort Foto: ARD
Kristina (Agata Buzek) ist es unangenehm, dass Lena (Ulrike Folkerts) ihre Jugendfotos gesehen hat. -Foto: ARD

Welch grimmige Ironie! Ganz gleich, wem die Ludwigshafener Hauptkommissarin im Zuge ihrer Ermittlungen diesmal auch gegenübersitzt: Alle essen. Nun hat dieser Vorgang, in allzu indiskreter Nahaufnahme gezeigt, ja ohnehin etwas Unappetitliches. Hier aber kommt hinzu, dass Lena Odenthal fastet. Als sportlicher Mensch wird sie gesundheitliche Gründe haben, weshalb der Kontrast zur Gegenspielerin umso heftiger ist. Kristina Pavlak ist Model und schon von Berufs wegen zur Schlankheit verpflichtet. Sie kommt ins Spiel, weil ihr Freund mit dem Auto verunglückt ist; zuvor aber wurde er vergiftet. Der Mann war Journalist und einer heißen Story auf der Spur: Ein örtliches Pharmaunternehmen hat Pillen gegen die Fettsucht entwickelt, ein echter Knüller, der in der schwer übergewichtigen westlichen Welt ein Milliardengeschäft verspricht. Model Kristina futtert die Tabletten bereits fleißig; ansonsten stopft sie vor allem Süßigkeiten in sich hinein.

Doch die Geschichte von Mario Giordano und Andreas Schlüter treibt den Gegensatz noch auf die Spitze und traut sich ein gewagtes Spiel, bei dem sich Fiktion und Wirklichkeit vermischen: Lena Odenthal ist zwar traditionell unbemannt, aber in Liebesdingen weitgehend neutral; dass Ulrike Folkerts hingegen mit Männern nichts am Hut hat, ist hinlänglich bekannt. Es ist daher gleich in mehrfacher Hinsicht reizvoll, wenn sich das Model zur Kommissarin nicht nur hingezogen fühlt, sondern sie mit purer Körperlichkeit konfrontiert.

Die geschickt eingefädelte emotionale Verknüpfung hat einen Haken: Agata Buzek, die schon im ohnehin grotesk misslungenen Fotografen-Zweiteiler „Paparazzo“ als Leinwandstar unglaubwürdig war, agiert auch hier derart hölzern (Regie: Ute Wieland), dass die Faszination Lena Odenthals nur sehr bedingt nachzuvollziehen ist. Kristina trägt daheim grundsätzlich bloß transparente Dessous, was Männer freuen mag, die dürre Models mögen, die Sache aber nicht grundsätzlich besser macht. Ihr polnischer Akzent steht zudem in krassem Missklang zu der Behauptung, sie lebe schon seit den Sandkastentagen in Deutschland. Buzeks knochige Spielweise wird zudem noch durch gelegentliche stilistische Eigenwilligkeiten des Film betont. Kamerafrau Cornelia Wiederhold hilft den Bildern immer wieder mutwillig auf die Sprünge oder lässt ihr Arbeitsgerät wie entfesselt kreiseln, um zu verdeutlichen, dass das gern auch mal expressionistisch ausgeleuchtete Model durch den Wind ist. Der angebliche Fettkiller löst Halluzinationen und Paranoia aus. Kristinas totem Freund ist das nicht entgangen; eine entsprechende Veröffentlichung hätte das Wundermittel vom Markt gefegt, bevor es überhaupt zugelassen worden wäre. Trotz der beschriebenen Einwände und einiger überraschend unsouverän inszenierter Momente ein dank der fesselnden kriminalistischen Ebene durchaus sehenswerter „Tatort“. Tilmann P. Gangloff

„Tatort: Fettkiller“, 20 Uhr 15, ARD

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