Tatort : Schutz und Hysterie

Der Kölner „Tatort“ zum Thema Kindesmissbrauch.

Manchmal vergeht die Zeit wie im Flug: Anfang Dezember, als der letzte Kölner „Tatort“-Krimi ausgestrahlt wurde, war Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) noch werdender Großvater, acht Wochen später ist die Enkelin bereits zu erstaunlicher Größe gereift. Dagegen ist der Kindsvater, von Schenk in der Dezemberfolge widerwillig als Schwiegersohn akzeptiert, spurlos verschwunden. Die Anschlüsse stimmen also nicht ganz, aber dass Schenk in „Verdammt“ den stolzen, fürsorglichen Opa spielt, hat eine besondere Funktion. Es soll Schenks Gereiztheit in diesem 39. Fall des Kölner Teams erklären. Kaum aus der Haft entlassen, wird der wegen eines Kindermordes verurteilte pädophile Paul Keller erschlagen im Müllcontainer gefunden.

Kindesmissbrauch ist als Thema für einen Fernsehkrimi nicht gerade eine Neuentdeckung. Vor einigen Jahren gab es geradezu einen Boom an Filmen dazu, auch als Reaktion auf die zeitweise herrschende Verdachtshysterie. Die Atmosphäre ist sachlicher geworden, das Thema deswegen nicht weniger wichtig. Das Szenario von Autor Jürgen Werner und Regisseurin Maris Pfeiffer greift das Beispiel amerikanischer Organisationen auf, die Namen, Bild und Aufenthaltsort von Pädophilen veröffentlichen. Die Zuschauer erleben die Haftentlassung aus der Perspektive Kellers, die eindrucksvolle Kamera und die Inszenierung lassen dessen Verunsicherung spürbar werden.

Im heimischen Viertel wird Keller an jeder Ecke von Steckbriefen mit seinem Konterfei erwartet. Die Organisation „Child Protection“ warnt die Nachbarschaft vor dem Ankömmling. Prompt verpasst ein Anwohner Keller eine blutige Nase, weil der den Kindern auf dem Spielplatz den Fußball zugeschossen hat. Der Angreifer kommt ziemlich unsympathisch rüber, Keller dagegen wirkt wie ein gehetztes Wild. Das Misstrauen ist berechtigt, aber wo soll das hinführen, wenn es ins Uferlose wächst?

Mal mehr, mal weniger plakativ erzählt „Verdammt“ von diesem Dilemma und den traumatischen Folgen bei Angehörigen. Der Gründer von „Child Protection“ ist Stefan Maywald, der Vater des von Keller getöteten Kindes. Er hat sein Leben dem Kampf gegen pädophile Netzwerke gewidmet und benutzt den Bademeister Daniel als verdeckten Ermittler. Tragische Figuren sind das, ebenso wie Kellers Eltern und sein Halbbruder Martin, dessen Beziehung in die Brüche geht, weil Stephanie mit der Familie eines Kinderschänders nichts zu tun haben möchte. Schenk und Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt) sind hin und her gerissen von der Abscheu vor den Verbrechen an Kindern und dem Auftrag, einen Mord an einem Pädophilen aufzudecken.

Es wird viel gestritten, es gibt unversöhnlichen Hass und schwer erträgliche Szenen. Das wohlige Gefühl, dass das Böse wieder in die Schranken verwiesen wurde, will sich am Ende dieses Fernsehkrimis nicht einstellen. tgr

„Tatort – Verdammt“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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