Tatort : Skepsis weicht Erleichterung

Die Skepsis war groß: Das Leben der Roma in Deutschland im Mittelpunkt des "Tatort"-Krimis "Brandmal"? Sind doch Vorurteile gegen Roma wie auch gegen Sinti weithin noch lebendig? Wie eine Vertreterin der deutschen Minderheit den WDR-Film sieht.

Petra Rosenberg
Tatort
Erziehungsmaßnahme. Max Ballauf versucht, das aufsässige Roma-Mädchen zu zähmen. -Foto: ddp

Klischees, die unserer Minderheit wie Brandmale schmerzlich anhaften, werden immer wieder – nicht nur in den Medien – bedient. Nun auch noch ein Krimi zu diesem Thema?

Heute Abend ist er auf dem Bildschirm – und ich war nach Sichtung des fertigen Films angenehm überrascht. Dem WDR ist der Spagat zwischen spannender Unterhaltung und fundierter Information hervorragend gelungen! Unsere Proteste im Vorfeld der Sendung und die Einsicht der Verantwortlichen im Sender haben zum Erfolg geführt.

Dieser „Tatort“ hat eine monatelange Vorgeschichte. Mehr oder weniger zufällig war der Blick in die erste Fassung des Drehbuches möglich geworden, weil eine Castingfirma für die bevorstehenden Dreharbeiten ein „typisches Roma-Mädchen“ suchte und sich an den Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg wandte.

Nach Sichtung des Drehbuches richteten sich unsere Bedenken gegen mehrere Passagen, in denen teils offen, teils unterschwellig – vermutlich aus Unkenntnis und nicht absichtlich – vor einem Millionenpublikum Vorurteile und Klischees bedient worden wären. Denn Roma, die wegen Verfolgung, Vertreibung und unsäglicher Armut in ihren osteuropäischen Heimatländern nach Deutschland kommen, stoßen hier zumeist auf Misstrauen und Ablehnung.

Auch Sinti, deren Familien seit Jahrhunderten hier leben und die deutsche Staatsbürger sind, begegnen noch heute Vorurteilen und Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Vorurteile und Ausgrenzung waren in der Vergangenheit bekanntlich der Nährboden für die Verfolgung unserer Minderheit und gipfelten im nationalsozialistischen Völkermord, dem in Europa mehr als 500 000 Sinti und Roma zum Opfer fielen.

Vor diesem Hintergrund richtete der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg einen eindringlichen Brief an WDR-Intendantin Monika Piel und wandte sich mit Nachdruck gegen eine Ausstrahlung des Films auf der Grundlage dieses Drehbuches. Nach unserem Einspruch und einem Schreiben des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma fand eine Gesprächsrunde im WDR statt. Ungewiss blieb, ob der Sender die Bedenken berücksichtigen würde.

Überraschung und Erleichterung: Dem WDR ist es gelungen, Realität zu zeigen und so manches Vorurteil ad absurdum zu führen. Dieser „Tatort“ greift innerhalb der Dialoge gängige Klischees über sogenannte „Zigeuner“ auf, um sie gekonnt im nächsten Moment als stereotype Vorstellungen zu entlarven. Der Film verdeutlicht, wie stark das scheinbare Allgemeinwissen über „Zigeuner“ von Vorurteilen und Klischees bestimmt ist, und führt diese differenziert vor. Die verantwortliche „Tatort“-Redaktion hat sich einer brisanten Thematik in behutsamer und verantwortungsvoller Weise genähert.

Übrigens: Bei der Vergabe dieses Preises im Jahr 2005 formulierte der damalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen als ein Ziel des Senders, „… einen Beitrag dazu zu leisten, die Vorurteile gegenüber den Roma abzubauen. Ich appelliere an alle Rundfunkanstalten in Europa …“. Diesem Anspruch wird die „Tatort“-Folge „Brandmal“ gerecht!

Die Autorin ist Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg.

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