Tatort : Von Müttern und Maulwürfen

Nach dem umstrittenen Migrantendrama spielt der nächste Lindholm-Fall in einem urdeutschen Milieu: im Schrebergartenverein.

Thomas Gehringer

Vorab ein kurzer Blick zurück: Der letzte NDR-„Tatort“ mit Maria Furtwängler alias Charlotte Lindholm verursachte so viel Wirbel wie selten zuvor ein Film aus der ARD-Krimireihe. Nach dem Inzestdrama „Wem Ehre gebührt“ demonstrierten im Dezember 20 000 Aleviten in Köln. Dass diese weltoffene islamische Glaubensgemeinschaft von strenggläubigen Muslimen mit der üblen Inzest-Nachrede diskriminiert wird, hatten die Verantwortlichen des Films übersehen. Der gute Vorsatz, die üblichen Ehrenmord-Islam-Klischees zu vermeiden, hatte unbeabsichtigte Folgen. Etwas war gründlich schiefgegangen. Der NDR will die Folge vorerst nicht wiederholen und befindet sich im Dialog mit Vertretern der Aleviten, sagt ein Sprecher.

Nun arbeitet sich beinahe jeder TV-Kriminalfilm an irgendwelchen Klischees ab, und es hat schon eine gewisse Ironie, dass der NDR Doch ist die Welt der Laubenpieper in „Erntedank e. V.“ nur ein vermeintlich heiles Idyll. Die prächtig blühenden Gärten sind akkurat und voller Gartenzwerge, aber nicht nur Maulwürfe müssen hier mit einem gezielten Spatenhieb rechnen. Man könnte meinen, Angelina Maccarone, die auch „Wem Ehre gebührt“ geschrieben und inszeniert hat, plündert nun zum Ausgleich den heimischen Klischee-Fundus, aber als „Wem Ehre gebührt“ ausgestrahlt wurde, war „Erntedank e. V.“ bereits abgedreht.

Zeitweise sieht es so aus, als könnte aus diesem zwölften Fall für die Hannoveraner LKA-Beamtin Charlotte Lindholm eine schöne Spießbürgergroteske werden. Die Kommissarin und Mutter wird von ihrem Mitbewohner Martin Felser (Ingo Naujoks) dazu überredet, sich in seiner frisch gepachteten Gartenparzelle zu entspannen – bleibt aber wohl nur, weil gerade eine Leiche abtransportiert wird. Das Ehepaar aus dem Vereinsvorstand, von den Nachbarn „Garten-Gestapo“ genannt, besitzt außer Gartenzwergen ein Gewehr, einen Dobermann und einen umfangreichen Giftschrank für Unkraut und wen oder was auch immer. Auch die anderen Kleingärtner haben so ihre Macken: Andrea Klose-Sanders (Maren Kroymann) bekämpft ihre Insektenphobie (!), indem sie große Skulpturen bastelt, die alte Dame Helga Reimann (Renate Becker) verschenkt dagegen Kuchen und eine Handvoll Würmer an Neuankömmlinge. Regisseurin Maccarone („Vivere“) und Kameramann Hans Fromm („Yella“) tauchen diese Welt in prallbunte Farben und lassen in Großaufnahme Käfer und anderes Getier durchs Bild krabbeln.

Aber der Mut zur Groteske bleibt doch begrenzt, die Figuren kommen über eine oberflächliche Skurrilität nicht hinaus. So ein „Tatort“ muss eben noch ganz andere Erwartungen erfüllen, zum Beispiel die Geschichten der dauerhaften Protagonisten weiterspinnen: Kommissarin Lindholm, die in „Wem Ehre gebührt“ hochschwanger ermittelte, will nun auch als Mutter gerne weiterarbeiten, wenigstens halbtags. Das lehnt ihr Chef allerdings ab, bis sie auf dem Schrebergartengelände auf eine zweite Leiche stößt. Mal nimmt Lindholm ihren kleinen David mit, mal passen Mitbewohner Felser oder Lindholms Mutter (Kathrin Ackermann) auf den Jungen auf. „Tatort“-Kommissarin und Mutter eines Babys zu sein – das geht also. Maria Furtwängler, die die Grundidee zu dieser Folge mit dem Schauplatz Schrebergarten hatte, ist diese Botschaft wichtig. Sie spielt ihre Mutterrolle gelassen und routiniert, als habe die Lindholm (wie Maria Furtwängler) schon zwei Kinder und sei im Grunde nicht alleinerziehend. Das ist zwar sympathisch, aber nicht unbedingt glaubwürdig. Ganz hübsch ist immerhin die Idee, dass sich ein junger Praktikant (David Rott) aus der Pathologie in die attraktive Blondine verliebt und bei Mitbewohner Felser ungewohnte Eifersuchtsgefühle auslöst. Demonstrationen muss der NDR diesmal wohl nicht befürchten. Es sei denn von beleidigten Schrebergärtnern.

„Tatort: Erntedank e. V.“, ARD,

20 Uhr 15

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