The Leftovers : TV-Serien mit Endzeitstimmung üben derzeit einen großen Reiz aus

The Walking Dead, Les Revenants, Lost, The Leftovers - es gibt vielleicht subtilere Formen der fiktionalen Unterhaltung. Aber auch deutlich langweiligere.

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The Leftovers
The LeftoversFoto: Sky

Ein Fahrradkurier wacht alleine auf der Intensivstation eines Londoner Krankenhauses auf. Verstört läuft der junge Mann auf die Straße, London scheint ausgestorben („28 Days Later“). Ein niedergeschossener Sheriff in einem Hospital in einer US-amerikanischen Kleinstadt, auch alleine aufgewacht, er irrt durch zerstörte Gänge, überall Leichenberge, draußen keine Menschenseele („The Walking Dead“). In einem französischen Bergdorf kehren tote Menschen zurück in ihr ehemaliges Leben, nicht als Geister, nicht als Zombies, sondern scheinbar als ganz normale Menschen („Les Revenants“). Verlorene Seelen, leere Orte, Endzeitstimmung, der Einbruch des Unerklärlichen in ganz normales Leben, es ist, als seien alle diese Filme und Serien der jüngeren Vergangenheit eine Vorstudie zum neuesten Serienhype aus den USA, der zurzeit auf Sky Go zu sehen ist: „The Leftovers“.

Die Serie startet verhalten furios. Eine junge Frau auf dem Parkplatz vom Supermarkt. Sie wundert sich, dass das Babyschreien auf dem Rücksitz ganz plötzlich aufgehört hat. Sie dreht sich um. Das Baby ist weg. Verschwunden wie 140 Millionen Menschen weltweit, knapp zwei Prozent der Weltbevölkerung, darunter auch Papst Benedikt, Politiker oder Popstars. Jennifer Lopez, Salman Rushdie. Einfach weg, von einem Moment auf den anderen. Die Übriggebliebenen (englisch: The Leftovers), können das Phänomen nicht erklären. Ist es ein Ereignis, das die Bibel als Jüngstes Gericht beschreibt? Die dabei Entrückten lassen sich allerdings nicht in ein Muster pressen, und schon gar nicht in das eines „guten und gläubigen Christen“.

Vernunft und Religion helfen in diesen Fernsehserien wenig. In „The Leftovers“ müssen die Zurückgebliebenen – ähnlich wie die Bewohner des Bergdorfes in „Les Revenants“ (die Serie läuft in Deutschland unter dem Titel „The Returned“) – drei Jahre nach dem Ereignis immer noch damit zurechtkommen, dass das bisherige Weltbild aller Menschen auf den Kopf gestellt wurde. Jeder fragt sich, warum er nicht ausgewählt wurde und was das nun für sein persönliches Leben heißt. Auf der anderen Seite geht das alltägliche Leben weiter.

Mittendrin der Polizeichef Kevin Garvey (Justin Theroux), der, von Dämonen geplagt, selber Hilfe nötig hätte. Post-Apokalypse, Polizei hilft hier auch nicht mehr viel. Garveys Familie ist nach dem Ereignis zerbrochen. Seine Frau hat sich einer Sekte angeschlossen, spricht nicht mehr, seine aufsässige Tochter gibt sich bei Partys Sexspielen hin, und der Sohn sucht Rat bei einem guru-artigen Wunderheiler.

Nach Dienstschluss besäuft sich Garvey in der Kneipe und sieht im Fernseher religiöse Fanatiker, die mit Wissenschaftsvertretern debattieren. Was ist passiert? Was sollen wir tun? „Wir wissen es einfach nicht“, so das Fazit einer staatlichen Kommission. Ein Mysterium, das den Zusammenhalt der Übriggebliebenen sprengt. Das ist in der auf zehn Folgen angelegten ersten Staffel, die demnächst bei Arte zu sehen wird, nicht immer leichte Kost. Wer „Twin Peaks“ mochte, wird auch das mögen.

Geschrieben wurde das HBO-Projekt von Damon Lindelof („Prometheus“). Im Grunde ist „The Leftovers“ eine Variation seiner ehemals auf Pro7 laufenden Mystery-Serie „Lost“, bei der Menschen nach einem Flugzeugunglück aus ihrer vertrauten Existenz gerissen werden und auf einer einsamen Insel in unerklärlicher Weise ums Überleben kämpfen. Die literarische Vorlage zu „Leftovers“ stammt von Tom Perrotta.

Die dieser zugrunde liegende Frage, wie die Gesellschaft mit der Unerklärlichkeit des menschlichen Verlustes umgeht, ist zwar nicht ganz neu in der Geschichte von Film und Serie. Sie scheint aber in diesen Zeiten, bei denen Flugzeuge und Menschen vom Himmel fallen oder gar ganz von der Bildfläche verschwinden, einen Nerv bei den Zuschauern getroffen zu haben. Ganz abgesehen vom hohen Suchtfaktor, den die nicht in sich abgeschlossenen Episoden der vorgestellten Serien mit all ihren Spannungsbögen hervorrufen. Das ist an einem Wochenende locker wegzusehen.

Sicher, es gibt subtilere Formen der fiktionalen Unterhaltung. Aber vielleicht macht es auch besonders viel Spaß, besonders viel Sinn, bei solcher Art von fatalistischen Fernsehserien (im Angesicht von unerklärlichen Katastrophen, Überlebenden, Untoten), Teil einer Gemeinschaft zu sein, mehr noch als bei „Mad Men“ oder „The Wire“, den großen Gesellschaftspanoramen ihrer Zeit. Trashtalk. Ringen um Erklärung. Serien stiften Gemeinschaft und bringen Verschrobenheit hervor. In Internet-Foren wird jedenfalls heftig debattiert über Sinn und Unsinn, über Protagonisten und Antagonisten, schon nach Serien-Nachschub verlangt.

Nur eine Momentaufnahme? In den USA wurde gerade eine US-Adaption der „Revenants“ ausgestrahlt. Dem Rätsel der Entrückung, des Verschwindens kommen wir da auch nicht näher, genauso wenig wie bei „The Leftovers“. Aber vielleicht soll das auch gar nicht so sein.

„The Leftovers“ im englischen Original bei Sky Go, in der synchronisierten Fassung ab September auf Sky Atlantic. „The Walking Dead“ und „Les Revenants“ („The Returned“) sind beim VoD-Dienst Watchever zu sehen

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