Medien : Tiere sind auch nur Menschen

Mit der Doku-Soap „Elefant, Tiger & Co.“ kommt zusammen, was zusammenpasst: der Zoo Leipzig und das Fernsehen

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Herr Junhold, wie kam Ihr Zoo ins Fernsehen?

2003 wurde unser Zoo 125 Jahre alt. Da haben wir den MDR gefragt, ob er sich nicht eine Reportage aus diesem Anlass vorstellen könnte. Es wurden dann elf Folgen à 15 Minuten vereinbart, die die Geschichte des Zoos vorstellen sollten. Dann kam der MDR auf die Idee, alles ganz anders zu machen.

Herr Gütte, wie kam das Fernsehen in den Zoo?

Es war Claudia Schreiner, Programmchefin Kultur/Wissenschaft, die sagte, wir haben hier das Zoojubiläum, bitte kümmert euch drum. Wir haben dann erst einmal ein Feature produziert. Aber dann wurden wir neugierig und haben uns gefragt: Wie sieht eigentlich so ein Zoo-Alltag aus?

Hatten Sie keine Bedenken, dass Ihre Geschichten keinen interessieren könnten?

GÜTTE: Als es darum ging, die elf Folgen zu beschließen, habe ich mich gefragt, wie um alles in der Welt wir elf Folgen füllen wollen. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Aber ich wurde schnell eines Besseren belehrt. Der Alltag als Sensation, das ist das ganze Erfolgsgeheimnis. Heute glaube ich, dass wir noch aus diesem Zoo berichten werden, wenn es mich gar nicht mehr gibt.

Sie könnten eigentlich rund um die Uhr aus dem Zoo berichten, so gut läuft die Sendung.

GÜTTE: Das könnten wir. Hier ist immer etwas los. Aber eines muss ich Ihnen auch sagen: Wir arbeiten hier mit wunderbarsten Protagonisten – den Tierpflegern. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass Tierpfleger so viel über Tiere wissen.

Herr Junhold, was hat Sie am meisten an den Berichten aus Ihrem Zoo überrascht?

Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass etwas wie der ganz banale Zoo-Alltag so einschlagen kann. Für uns ist das ja alles selbstverständlich. Da haben uns die Fernsehleute die Augen geöffnet.

Hatten Sie keine Vorbehalte dem Fernsehen gegenüber?

JUNHOLD: Doch, natürlich. Wir mussten uns öffnen. Und das geht nicht ohne Vertrauen. Wir wussten ja nicht, was am Ende gesendet werden würde. Heute wissen unsere Fernsehleute manchmal mehr und früher als ich, was sich im Zoo abspielt, weil sie überall ihre Fühler haben. Inzwischen rufen die Pfleger die Fernsehleute an, wenn sie glauben, dass etwas interessant sein könnte.

Wundern Sie sich nicht manchmal darüber, was das Fernsehen aus Ihrem Zoo macht?

JUNHOLD: Das kommt vor. Aber wir arbeiten eng zusammen. Einmal pro Woche setzen wir uns zusammen, um Themen zu besprechen. Denn nicht zuletzt geht es auch um das Image des Zoos. Zu unseren Kernthemen zählen Artenschutz und bedrohte Tierwelt. Natürlich wollen wir, dass auch diese Themen auftauchen.

Herr Gütte, wir finden, dass „Tiger, Elefant & Co.“ etwas ganz Neues ist. Finden Sie das auch?

Das Kuriose ist doch, dass wir den Alltag dokumentieren, nichts weiter. Aber gezeigt wird eben auch die tiefe Verbundenheit von Pflegern und Tieren. Die kümmern sich und sind immer für ihre Tiere da. Vielleicht ist das ein Geheimnis des Erfolgs. Sie haben hier alle Temperamente des Lebens; Komik, Humor, Tragik, Liebe, Schmerz, Trauer, ein unendliches Reservoir für Geschichten. Und das alles ohne zu menscheln.

Die Kamera scheint auch nicht zu stören.

GÜTTE: Es gibt gewissermaßen eine stille Abmachung: Entweder wir vom Fernsehen packen es beim ersten Mal, oder aus der Geschichte wird nichts. Also: Alles ist authentisch. Das halte ich für die große Stärke dieser Sendung. Wir geben dem Ganzen natürlich eine dramatisierte Struktur – aber wir fügen nichts hinzu. Wir schreiben Geschichten und unser wunderbarer Sprecher, Christian Steyer, erzählt sie dann auf seine ganz eigene unverwechselbare Art und Weise.

JUNHOLD: Es sind Profis am Werk. Und genau das ist es, was es uns erlaubt, uns zu öffnen. Wir liefern den Stoff – der MDR macht. Ich finde es äußerst angenehm, dass nicht nach Sensationen gehascht wird. Das macht richtig Spaß.

Zeigen Sie alles, was Sie sehen? Oder gibt es Grenzen?

GÜTTE: Wir haben uns schon überlegt, ob wir zeigen sollen, wenn ein Löwe oder ein Eisbär eingeschläfert werden muss oder wenn ein Krokodil tot aufgefunden wird. Aber wir wollten ehrlich sein, und da gehört der Tod nun einmal zum Leben. Wir wissen, dass diese Blicke hinter die Kulissen des Zooalltags die Zuschauer besonders interessieren.

Sie haben Erfolg. Lauert da nicht in die Gefahr, Dinge zu inszenieren?

GÜTTE: Auf keinen Fall. Wenn nichts los ist, dann ist eben nichts los. In so einem Fall denken wir uns einfach etwas aus. Zum Beispiel: „Ein Tag im Zoo“. Dann zeigen wir, wie Tiere gefüttert werden. Auch das kann seine Tücken haben. Wir waren uns nicht wirklich sicher, ob der Zuschauer es schlucken würde, wenn wir zeigen, wie lebende Meerschweinchen verfüttert werden oder eine ganze Ziege. Wir haben gedacht, jetzt kommen körbeweise empörte Briefe. Aber ganz das Gegenteil. Die Leute wollen zwar heile Welt sehen, aber man kann ihnen auch die Wahrheit zeigen. Ich finde das großartig.

Wir haben selten so nette Pfleger gesehen, die auch noch herrlich sächselnd und frei in die Kamera sprechen können. Waren die immer schon so nett?

JUNHOLD: Wir sind eine öffentliche Einrichtung und für die Öffentlichkeit da. Uns besuchen pro Jahr 1,3 Millionen Menschen, damit sind wir der viertgrößte Zoo Deutschlands. Da brauchen sie Menschen, die in der Öffentlichkeit arbeiten können. Wir veranstalten schon seit Jahren Rhetorikkurse mit unseren Mitarbeitern. Wir sind sehr daran interessiert, dass Persönlichkeiten bei uns arbeiten. Man könnte also sagen: Wir waren bereit für das Fernsehen.

Das klingt nach einer ganz neuen Art von Menschen im Zoo.

JUNHOLD: Der Zoo der Zukunft soll die Menschen anregen, sich zu fragen, wie wir mit der Natur umgehen. Mit anderen Worten: Wir wollen weg vom alten Zoo-Image. Wir haben mit Unternehmensberatungen zusammengearbeitet und betreiben professionelle Personalentwicklung. Wir führen den Zoo wie ein modernes Unternehmen. Seit 1997 haben wir 55 Millionen Euro investiert. Mein persönliches Ziel ist es, unseren Zoo unter die zehn besten der Welt zu bringen.

Kann es sein, Herr Gütte, dass Sie das Zoo-Fieber gepackt hat?

GÜTTE: Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen könnte. Aber es ist passiert und nicht nur mir, sondern unserer ganzen Redaktion. Und ich darf Ihnen sagen: Ich bin darüber richtig froh. Der Zoo ist eine Oase. Wer in sie eintritt, der betritt eine andere Welt.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber

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