Medien : Trotz und wegen Lukaschenko

Wie oppositionelle Zeitungen in Weißrussland versuchen, mit Beharrlichkeit und Tricks dem Druck zu widerstehen

Volker ter Haseborg. Minsk

Von Volker ter Haseborg. Minsk

Ein dreckiger Hinterhof in Minsk. Wer zur Tür mit der Code-Tastatur will, muss den hintersten Eingang des grauen Häuserkomplexes suchen. Hinter der Tür ein muffiges Treppenhaus. Der Putz hat sich von den Wänden gelöst. Gleich im Erdgeschoss haben sie sich versteckt. Hinter einer Holztür ohne Namensschild. „Noch toleriert man uns hier. Aber bald müssen wir wieder weg“, sagt Andrej Dynko. Er ist Chefredakteur der weißrussischen Zeitung „Nascha Niwa“, zu Deutsch „Unser Boden“. Gefolgsleute von Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko wären schon da gewesen und hätten mitgeteilt, dass die Redaktion unter besonderer Beobachtung stünde.

„Lukaschismus“ nennen Dynko und seine Kollegen den diktatorischen Regierungsstil ihres Präsidenten. Redaktionsräume werden durchsucht, jeder der zehn Redakteure wurde schon vom Geheimdienst KGB verhört. Häufig müssen sie umziehen, weil ihnen Mietverträge gekündigt werden. 2001, bei den Präsidentschaftswahlen, kamen Zensoren in die Redaktion, um aufzupassen, dass ja keine „Unwahrheiten“ über Lukaschenko verbreitet wurden.

Schriftsteller, Musiker und Maler veröffentlichen in der in weißrussischer Sprache erscheinenden Zeitung einmal in der Woche kritische Artikel. „Unsere Ziele sind Demokratie, Menschenrechte und die nationale Unabhängigkeit. Wir versuchen, der demokratischen Opposition zu helfen“, sagt Andrej Dynko. Lukaschenko strebe nach einer Neuauflage der Sowjetunion, meint der weißrussische Journalist. Deshalb versucht er alles, um die Entwicklung der weißrussischen Kultur zu verhindern.

„Weißrussland hat eine sehr moderne Diktatur. Lukaschenko lässt uns existieren, hindert uns aber daran, die Leute zu erreichen.“ Der Staat nutze sein Vertriebsmonopol, so dass oppositionelle Zeitungen erst zwei Tage nach ihrem Erscheinungsdatum ausgeliefert werden. Und die vom Staat abhängigen Druckereien verweigerten immer öfter Aufträge. Dreimal so viel wie staatliche Zeitungen kostet die Produktion von „Nascha Niwa“. „Wir haben den Eindruck, dass sich vor allem Europa nicht für Weißrussland interessiert“, sagt Dynko. Und so gehe der Niedergang der oppositionellen Presse weiter. „Die Auflage aller unabhängigen Zeitungen zusammen beträgt weniger als 150 000 Exemplare. Vor fünf Jahren waren es 250 000.“ Dem gegenüber stünden über zwei Millionen Druckexemplare aus staatstreuen Redaktionen.

Ein anderer Bezirk von Minsk, ein anderer grauer Betonklotz. Hier hat die „Belorusskaja Delowaja Gaseta“, übersetzt „Weißrussische Geschäftszeitung“, ihre Redaktionsräume. Im Mai verhängte das Informationsministerium ein dreimonatiges Erscheinungsverbot für die Tageszeitung wegen Beleidigung des Präsidenten. Die Gaseta hatte eine Umfrage veröffentlicht. Darin stand, dass die meisten Weißrussen ablehnen, dass Lukaschenko einer Schönheitskönigin ein Flugzeug aus dem Staatsbestand zur Verfügung gestellt hatte.

Die 80 Verlagsmitarbeiter reagierten auf das Verbot: Sie suchten sich Partnerzeitungen. „Oben stand das Logo der entsprechenden Zeitung. Unten prangte unser Titel, und auf allen Seiten der jeweiligen Ausgabe wurden unsere Artikel abgedruckt“, sagt Dmitri Drigailo, Politikredakteur bei der Gaseta. Obwohl die Staatsmacht auf die kreative Finte mit Erscheinungs- und Druckverboten reagierte, fand die Redaktion immer Zeitungen, die ihre Seiten druckten. Ab August durfte das Blatt dann wieder erscheinen. Allerdings unter strengsten Auflagen. „Deshalb drucken wir jetzt in Russland, 500 Kilometer von Minsk entfernt.“ Doch selbst so können sie Lukaschenkos Einfluss nicht entgehen: Die LKWs mit den frisch gedruckten Exemplaren werden wöchentlich an der weißrussischen Grenze auf Drogen untersucht und „bis zur Klärung aller Unklarheiten“ aufgehalten.

„Viele Abonnenten und Werbekunden sind mittlerweile abgesprungen. Seit Anfang Juni haben die Mitarbeiter kein Gehalt mehr bekommen“, sagt Drigailo. Fast jeder Journalist muss sich deshalb noch etwas dazuverdienen. Dmitri Drigailo arbeitet nachmittags als Musiklehrer, um über die Runden zu kommen. Zudem wartet der Politikredakteur immer noch auf eine Akkreditierung für das Parlament. „Ich musste bereits mehrmals Schadensersatz zahlen, weil sich Staatsvertreter durch meine Artikel beleidigt fühlten.“ Weitermachen will Drigailo auf jeden Fall, auch wenn er weiß: „Der Druck lässt nicht nach.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar