TV-Abrechnung : Bloß nicht schwierig sein

Elke Heidenreich, Senderschelte und das Los der Moderatoren – warum das Fernsehen mittelmäßig ist.

Else Buschheuer

Das hat sie nun davon. „Verzockt, Frau Heidenreich“, schreibt ein Rezensent. Dennoch kann ich den Wutausbruch von Elke Heidenreich, der sie vom ZDF ins Internet bugsierte, verstehen. Nicht dass sie Thomas Gottschalk beschimpfte, der erstens eben nicht dumm ist und zweitens keiner Fliege was zuleide tut. Aber ihr Blutrausch war nicht nur Indiz für Undankbarkeit und mangelnde Loyalität. Er war sicher auch das Resultat fortwährender Kompromisse eines Individualisten mit dem System.

Man schluckt so lange, bis man explodiert. Man lächelt, bis man schreit. Man macht Vorschläge, bis man verstummt. Man argumentiert fair, bis man hysterisch wird, unsachlich, schrill. Ich könnte „ganz oben“ sein, sagte mir mal ein Fernsehschaffender. Wenn ich nicht so schwierig wäre. Man muss es sich leisten können, schwierig zu sein. Und wenn man schwierig ist, ohne es sich leisten zu können, dann wird man kaltgestellt. Fernsehen wird im Kollektiv gemacht. Alle haben eine Vision, aber jeder eine andere.

Ein Moderator – und ich rede jetzt von einem Moderator vulgaris, wie ich es bin, besagter Moderator vulgaris also kriegt eine Sendung angeboten und bringt seinen Gabenteller mit. Alles, was er weiß, was er kann, streckt er dem Sender hin wie ein Kind, das was gebastelt hat. Da, schaut! Gut und schön, sagt der Sender, aber erstens: Das möchten unsere Zuschauer nicht. Zweitens: Dafür reicht das Budget nicht. Drittens: Das ist „kein Bild“. Viertens: Das gibt keine Quote. Wir machen es so, sagt der Sender: Und hält dem Moderator einen anderen Teller hin, auf dem ausschließlich Dinge sind, die der Moderator nicht mag oder gegen die er allergisch ist.

Der Moderator zeigt dem Sender den Vogel und geht …

Kleiner Scherz ...

Demütig nimmt der Moderator den anderen Teller. Er wollte eine Büchersendung. Jetzt hat er eine Kochshow. Na, besser als nix. Dann kriegt er vielleicht Klamotten an, die er nicht mag, und Gäste, an die er keine Fragen hat. Immer schön „locker flockig“.

Hallo und herzlich willkommen!

Entschieden wird hierarchisch. Zur Hierarchie addiert sich höhere Gewalt. Das Studio, die Sendezeit, die Themen, alles ist das Ergebnis von Kompromissen. Die Macht des Moderators ist, wenn er nicht entweder begehrt oder sein eigener Produzent ist (am besten beides), gleich null. Wer nicht kompatibel ist, wird ausgetauscht.

Konsens reimt sich nicht umsonst auf Nonsens. Wie kann ein Produkt aus sehen, bei dem sich alle treffen? Genau. Mittelmäßig. Und das ist es, woran unser Fernsehen krankt. Warum ertrug das Fernsehen nicht Schlingensiefs Absurdprojekt „Talk 2000“? Wo ist Lilo Wanders, die sardonische Transe von Vox? Warum muss Dieter Moor sein loses Maul in statischen Überleitungen bei „Titel, Thesen, Temperamente“ ersticken? Was ist mit Harald Schmidt los? Entweder, man lässt die Guten nicht ran, oder man lässt sie ran, aber nicht gut sein. Oder man lässt sie ran und gut sein, aber schmeißt sie raus, wenn sie „schwierig“ sind. Oder wenn die Quote absackt. Oder sie werden irgendwann müde.

Es gibt Ausnahmen. Alexander Kluge dreht seit vielen Jahren mit den Formaten seiner Firma dctp Sat 1 und RTL eine Nase. Frank Plasberg konnte in aller Ruhe im WDR die dompteurhafte Art seines Auftritts verfeinern. Denis Schecks Sendung „Druckfrisch“ ist so durchdacht und wiedererkennbar, als hätte er Freiheiten wie Orson Welles bei „Citizen Kane“. Wer wohl die Hand über ihn hält? Ob er sich hochgeschlafen hat? Wer schützt eine Napfsülze wie Oliver Pocher? Warum beherrscht der servile Interviewstil von Beckmann und Kerner die 23-Uhr-Schiene im ersten und zweiten Programm und gute Leute wie Böttinger und Domian versauern im Dritten? Stattdessen brutzeln uns Köche mit gezwirbelten Bärten voll, Tierpfleger schwenken Raubtierkätzchen, und Florian Silber eisen wirkt wie das Produkt eines modernen Doktor Frankenstein.

Hallo und herzlich willkommen!

Wer Zuschauer unterfordert, wer im Trüben fischt, sich anpasst, sich um ein Urteil drückt, wer auf Austauschbarkeit setzt, wer im Einheitsbrei mitschwimmt, der produziert ein feiges und unscharfes Produkt. Ein Produkt, das genauso gut anderswo gesendet werden könnte. Das genauso gut anderswer moderieren könnte. Und das man genauso gut gegen ein anderes Produkt austauschen kann.

„Toll haste das gemacht“, sagte meine Oma 2001 nach dem „Kulturweltspiegel“. Aber den moderierte ich bereits nicht mehr. Ich war schon rausgeflogen. Meine Oma hatte mich mit meiner Nachfolgerin verwechselt. Egal. Hauptsache, ich sah gut aus. Als vor der Kamera agierender Mensch verliert man irgendwann das Gefühl für sich. Man kann dieses Phänomen an vielen Moderationsroutiniers beobachten: Kaum geht die Kamera an, kriegt das Gesicht einen Ausdruck extrem unnatürlicher Natürlichkeit. Die Haltung ändert sich: leicht eingedreht, Standbein vor, Halbprofil. Sitzt mein Haar? Schreckliche Floskeln kommen aus dem Mund.

Hallo und herzlich willkommen!

Ganz zu schweigen vom optischen Kompromiss. Alfred Biolek ließ sich als junger Moderator ein Toupet auf den Hinterkopf schwatzen, weil dieser zu flach sei. Birgit Schrowange musste die grauen Haare schwarz färben, ehe RTL sie nahm. Und Tom Buhrow? Was ist eigentlich da auf dem Kopp passiert? Man möchte fast die Hässlichkeit des Wettermanns Sven Plöger umarmen. Auch das ist Mut. Vielleicht sogar der einzig mögliche. Halt’s Maul, sonst kommste ins Internet! Kritiker werden geköpft, ihre Köpfe auf den Zaunpfahl gespießt.

Senderschelte wie im Falle Heidenreich ist tödlich, Schleichwerbung à la Kiewel eher verzeihlich – zumal mit dackelhafter Reue gepaart. Das ist es vielleicht. Heidenreich hat zu wenig dackelhafte Reue gezeigt. Wir alle sollten mehr dackelhafte Reue zeigen.

Das ist die Zukunft. Die Kratzbürsten kuschen oder wandern aus ins Internet. Sie sollen nicht die Hand beißen, die sie füttert. Sie sollen ihr Nest nicht beschmutzen. Sie sollen zu Kreuze kriechen oder sich verpissen.

Elke Heidenreich hat nun, der Not gehorchend, das Medium gewechselt. Im Internet kann sie machen, was sie will. Dort kann sie ungestraft „Fick dich!“ sagen. Aber mein Versuch, die Sendung zu sehen, „abrufbar 365 Tage im Jahr, 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag“, scheiterte an meiner DSL-Verbindung. Alle drei Minuten wurde „gepuffert“, Bild und Ton blieben stehen, ich musste warten. Campino öffnete den Mund – und schwieg. Heidenreich holte Luft – und erstarrte in Abertausenden von Pixeln. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann teste ich heut noch „Lesen“ auf www.litcologne.de. Dann lieber Fernsehen.

Die Autorin moderiert im Fernsehen das monatliche Filmmagazin „Kino Royal“ (wieder am 11.12., 23 Uhr 05, MDR)

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