TV : "Die wollen grooven – nicht schunkeln“

Das junge Publikum sieht an ARD und ZDF vorbei. MDR-Chef Udo Reiter spricht im Interview über Ursachen und hilflose Reaktionen.

Thomas Eckert,Joachim Huber

Herr Reiter, Sie plädieren für eine Verlängerung der Sendezeit des Kinderkanals von 21 auf 24 Uhr. Wie realistisch ist dieser Wunsch?

Wie realistisch war der Wunsch, auf den Mond zu fliegen?

Sie erwarten, mit einem Kika bis 24 Uhr könnten die öffentlich-rechtlichen Sender der Abwanderung von Jugendlichen zu den Privatsendern entgegenwirken. Was ist das anderes als Hilflosigkeit?

Das ist der Versuch, aus einer schwierigen Situation das Bestmögliche zu machen. Ein eigener öffentlich-rechtlicher Jugendkanal ist derzeit medienpolitisch nicht durchsetzbar, das weiß ich auch. Aber sollen wir die Jugendlichen deshalb aufgeben? Die Zwölf- und 13-Jährigen sehen jetzt schon bis 21 Uhr den Kinderkanal, warum also nicht für die 14- und 15-Jährigen ein Anschlussangebot? Das ist besser als nichts, und vor allem besser als das, was sie bisher bei den Privaten zu sehen bekommen.

Wie konnte es passieren, dass ARD und ZDF heute unter einem derartigen Generationenabriss leiden? Bei den Zuschauern bis 14 sind die Öffentlich-Rechtlichen über den Kinderkanal noch präsent, danach können ARD und ZDF erst wieder bei 50plus so richtig punkten.

Die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme sind schon von ihrem Auftrag her – Information, Politik, Kultur – ein Angebot für Erwachsene. Bei den Dritten kommt dazu, dass Heimatnähe kein Wert ist, der Jugendliche besonders anmacht. Die wollen nicht schunkeln, die wollen grooven.

Im Ersten und in den Dritten kommt Jugend nicht vor. Ist das den Verantwortlichen niemals aufgefallen?

Doch. Wir haben sogar gelegentlich darüber nachgedacht. Im Ernst: Natürlich haben wir immer wieder versucht, mit speziellen Jugendsendungen gegenzusteuern. Das Fatale ist nur, dass Jugendsendungen, die sie in ein Programm mit anderer Grundanmutung einstanzen, von der Zielgruppe nicht akzeptiert werden. Alle diese Versuche sind schief gegangen. Ein 18-jähriger sucht eben keine Jugendsendung im Dritten Programm, und Bruce Darnell schaut er sich bei Pro Sieben an, bei uns nicht.

Immer wieder geistert durch die öffentlich-rechtlichen Reihen die Idee des Jugendkanals. Darauf warten die Jugendlichen nicht, sie sind längst Stammzuschauer bei Sendern wie ProSieben, die ihnen bieten, was sie wollen. Was wäre ein Jugendkanal mehr als eine verkrampfte „Ranschmeiße“ ans Jungvolk?

Warum denn? Wir haben mit dem Kinderkanal gezeigt, dass wir Programm für Junge machen können, wenn man uns lässt. Und zwar Programme, die inhaltlich vernünftig und verantwortbar sind, und trotzdem bei der Zielgruppe Erfolg haben. Etwas ähnliches würden wir für die an den Kika anschließende Altersgruppe machen, und zwar auch mit Erfolg, das verspreche ich Ihnen. Jedenfalls macht es wenig Sinn, ständig zu klagen, dass die jungen Leute nichts Vernünftiges im Fernsehen zu sehen bekommen, und nichts tun, um ein vernünftiges Angebot auf die Beine zu stellen.

Jetzt mal eine ganz schlimme Idee: ARD oder MDR machen tatsächlich eine Castingshow. Warum sagen Sie gleich nein?

Erstens, weil wir dafür kein geeignetes Umfeld haben. Siehe oben. Und zweitens, weil die Kopie einer Kopie vielleicht doch nicht der ganz große Schlüssel zum Erfolg ist. Aber Sie sehen selbst, wie schwer es ist, auf eigene originelle Programmideen zu kommen.

Der neuste Dreh der öffentlich-rechtlichen Sender ist das Internet, mit dem die Jugend wieder eingefangen werden soll. Was sind da die Projekte und Maßnahmen?

Das ist kein neuester Dreh, sondern die normale Reaktion auf ein verändertes Nutzerverhalten. Wenn sich die Chance auftut, Jugendliche über online zu erreichen, werden wir das natürlich versuchen. Via Radio funktioniert es schon recht gut, wenn Sie an ein MDR-Programm wie „Sputnik“ denken. Im Fernsehen fehlt uns derzeit noch das große gemeinsame Einstiegsportal – zum Beispiel der Jugendkanal. Und warum sollte es dort kein intelligentes, bildungsorientiertes Internetspiel geben anstatt nur solche mit Mord und Totschlag? Warum sollen die Avatare eines öffentlich-rechtlichen virtuellen Programms nicht Faust und Mephisto oder Romeo und Julia sein? Das lässt sich auch scharf inszenieren.

Die Nutzung des Fernsehens bei den 14- bis 29-Jährigen sinkt. Schon wird die Ablösung des Mediums durch das Internet prophezeit. Schrecken Sie solche Szenarien?

Nein, überhaupt nicht. Die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bezieht sich auf die Inhalte und nicht auf die Verbreitungswege. Es ist die Idee, für eine Gesellschaft Programme zu produzieren, die nicht von der Politik diktiert sind wie beim Staatsrundfunk und auch nicht von der Wirtschaft abhängig wie beim werbefinanzierten Fernsehen. Wenn man auch in Zukunft öffentlich-rechtlichen Rundfunk will, und dafür gibt es gute Gründe, dann muss er seine Inhalte auf den Wegen verbreiten können, die aktuell vom Publikum genutzt werden – das war früher das Radio, dann kam das Fernsehen dazu und in Zukunft auch das Internet.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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