TV-Doku : „Copland“ in Masar-i-Scharif

Der ARD-Bericht „SoKo Afghanistan“ am leider sehr späten Mittwochabend stellt den Sinn der deutschen Ausbildung lokaler Polizeikräfte am Hindukusch infrage.

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Als Polizisten kaum zu erkennen. Hundert deutsche Polizeibeamte helfen bei der Ausbildung lokaler Polizeikräfte – unter erschwerten Bedingungen. Foto: NDR Foto: NDR/Ralf Hoogestraat
Als Polizisten kaum zu erkennen. Hundert deutsche Polizeibeamte helfen bei der Ausbildung lokaler Polizeikräfte – unter...Foto: NDR/Ralf Hoogestraat

Sie sehen aus wie eine militärische Spezialeinheit. Tarnanzug, Schutzweste, die Maschinenpistole an der Seite, die Augen mit dunklen Sonnenbrillen geschützt. Als Polizisten sind sie kaum zu erkennen, nur das Schulterstück mit dem Bundeswappen und dem Schriftzug Polizei weist sie als solche aus. Oder wenn sie eine der schwarzen Polizeimützen tragen.

Es ist früher Morgen im Bundeswehrcamp Marmal in Masar-i-Scharif. Die deutsche Polizisten treffen sich mit Feldjägern zur Einsatzbesprechung. Begleitet werden sie von einem Fernsehteam des Norddeutschen Rundfunks. Sieben Tage lang hat Filmemacher Ralf Hoogestraat die Polizisten bei ihrer Mission begleitet. Am Mittwochabend nun strahlt die ARD den Film „SoKo Afghanistan – Deutsche Polizisten im Krisengebiet“ zu später Stunde aus.

Im Camp Maral leben neben den 2500 Soldaten der Bundeswehr zurzeit rund 100 deutsche Polizeibeamte aus dem gesamten Bundesgebiet. 28 von ihnen bilden die sogenannten Mentorenteams. Sie sollen vor Ort die afghanische Polizei beim Aufbau einer funktionierenden Sicherheitsstruktur anleiten und unterstützen. So lautet offiziell ihr Auftrag. Ziel ist, im Norden des Landes eine friedliche, möglichst demokratische Gesellschaft entstehen zu lassen.

Als der NDR seine Doku drehte, war die Sicherheitslage besonders angespannt: Vier tote und fünf verletzte deutsche Soldaten gab es bei Kämpfen in Kundus. Die Särge, die an der Ehrenformation vorbeigefahren werden, sprechen eine eindeutige Sprache. In Masar-i-Scharif erschwerten Selbstmordattentäter die Arbeit der Polizei. Täglich spüren die deutschen Polizeibeamten: Es ist Krieg in Afghanistan. Doch trotz aller Gefahren wollen sie weitermachen und versuchen, im Krisengebiet etwas zu bewegen.

Die Reportage informiert über eine Seite des deutschen Engagements in Afghanistan, die hierzulande noch weitgehend unbekannt ist. Dass betrifft nicht nur das Engagement der deutschen Polizeiausbilder, sondern auch die Angst und die Gewissheit, dass die toten Soldaten genauso gut tote Polizisten sein könnten. In der Diskussionen der Polizeiausbilder beim Frühstück in ihrer Baracke „Copland“, weist einer von ihen darauf hin, wie nah Polizisten und Soldaten nebeneinander leben, dass sie gemeinsam im Konvoi fahren. Man hört heraus: Genauso gut könnte ich der nächste Tote sein.

Ralf Hoogestraat begleitet die Beamten bis an die usbekische Grenze, wo ein Polizeiposten immer wieder von Drogenschmugglern angegriffen wird. Dann folgt er ihnen ins Marmalgebirge – hier dringen seit kurzem Taliban aus dem Süden ein und bedrohen die örtliche Polizei. Den stärksten Eindruck hinterlässt der Bericht jedoch durch die Schilderungen am Rande. So wissen die deutschen Kräfte durchaus um die gar nicht abwegigen Gerüchte, dass sich der Leiter einer Polizeistation mit Drogengeld aus seiner Zeit bei den Taliban seine Position erkauft haben soll. Doch das sei eine innere Angelegenheit der Afghanen, erfährt der Zuschauer, darin sollen sich die Polizeiausbilder nicht einmischen.

Aber auch die Ausbildung der jungen Polizeikräfte selbst hat ihre Grenzen. Vier von fünf neuen Polizisten können nicht lesen. Unterricht mit Büchern fällt somit aus. Wie sie dennoch Recht und Gesetz lernen sollen, darüber gibt der Bericht keine Auskunft. In den praktischen Fächern sieht es nicht besser aus. „Die Afghanen kennen keinen Sport, sie haben keine Ausdauer“, erzählt ein Ausbilder. Einige Polizeischüler seien nach dem ersten Ausbildungstag zum Arzt gegangen, weil sie sich krank fühlten. „Dabei hatten sie nur Muskelkater.“

Hinzu kommt die Gewissheit, dass ein Teil der neuen Polizeikräfte mit dem Eintritt in den Dienst dem Tode geweiht ist. Wer im deutschen Distrikt arbeitet, habe noch gute Aussichten, das erste Jahr zu überleben. In anderen Gebieten sei dies nicht so, dort sterben zehn bis zwanzig Prozent der Polizisten innerhalb der ersten zwölf Monate. Man muss abschalten können, sagt der Ausbilder. Doch so wirkt es noch hilfloser, wenn die deutschen Polizisten ihren afghanischen Kollegen Stoffpuppen geben – die sie in der Hoffnung Kindern schenken, dass dadurch das Ansehen der Polizei in der Bevölkerung und so auch deren Sicherheit zunimmt.

„SoKo Afghanistan – Deutsche Polizisten im Krisengebiet“, ARD, 23 Uhr 30

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