TV-Doku über die Tänzer der Pop-Diva : Auf der Bühne mit Madonna

"Express Yourself": Eine Arte-Doku bringt die berühmte Tänzer-Truppe um Madonna wieder zusammen. Über die einstige „Übermutter“ verliert allerdings keiner der Tänzer ein böses Wort.

Manfred Riepe
Express Yourself: Tänzer Oliver Crumes
Express Yourself: Tänzer Oliver CrumesFoto: SWR

Während ihrer Welttournee unterbrach Madonna 1990 ein Konzert, um über den Tod ihres Freundes Keith Haring zu sprechen, ein berühmter Popart-Künstler, der wenige Wochen zuvor an Aids gestorben war. An ihrer Seite steht ein junger Mann auf der Bühne, einer jener schwulen Tänzer, den die Queen of Pop für ihre „Blond Ambition Tour“ gecastet hatte.

Obwohl sie die Queer-Thematik unter dem Motto „Express yourself“ vermarktete, konnte Salim Gauwloos sein größtes Problem nicht zum Ausdruck bringen. Erst 25 Jahre später wird er während der Dreharbeiten zu diesem Dokumentarfilm einem anderen Menschen anvertrauen, dass er schon damals HIV-positiv war: Ist Madonnas Engagement für Homosexuelle also nur Lug und Trug?

Auf diese Frage geben Ester Gould und Reijer Zwaan keine einfache, dafür aber eine vielschichtige und sehr berührende Antwort. „Express Yourself“ ist ein komplexer Metafilm, eine Dokumentation über jene Dokumentation namens „Truth or Dare“, die hierzulande unter dem Titel „In Bed with Madonna“ in die Kinos kam.

Madonnas provokative Vorwegnahme des heutigen Reality-TVs, seinerzeit der erfolgreiche Dokumentarfilm überhaupt, gipfelt in einem ausgiebig gezeigten Zungenkuss zwischen zwei Männern – im damaligen Mainstreamkino eine Neuheit. Eine Generation von Schwulen erlebte dies als Befreiung. Bis heute erhalten Madonnas Tänzer mitreißende Dankesbriefe aus aller Welt, weil sie in diesem Dokumentarfilm eine ungezwungene und selbstverständliche Homosexualität repräsentierten.

Während Madonna diesen Tabubruch als Imagegewinn vermarkten konnte, litt Gabriel Trupin, einer der beiden Männer der Kuss-Szene, unter dem erzwungenen Outing. Vor seinem Tod – er starb 1995 an Aids – verklagte er die Sängerin deswegen. Die Wahlfamilie, in der Madonna sich als Mutter und Beschützerin ihrer Tänzer stilisierte, zerbrach daraufhin.

Absturz nach der Madonna-Phase, Depressionen und Alkoholabhängigkeit

Unter Verwendung zahlreicher Ausschnitte aus „In Bed with Madonna“ kontrastieren Gould und Zwaan den Jetset von damals mit jenem neuen Leben, das die sechs verbliebenen Tänzer heute führen. Ihr Dokumentarfilm führt Madonnas verlorene Söhne erstmals nach 25 Jahren wieder zusammen. Das Treffen dient als Aufhänger für sensibel gezeichnete Porträts.

Vor der Kamera sprechen die Tänzer über den Absturz nach der Madonna-Phase, Depressionen und Alkoholabhängigkeit. Der Film präsentiert die sechs Künstler aber weder als psychologische Problemfälle noch als opernhafte Tunten, sondern als Persönlichkeiten, die ihren Weg fanden. Oliver Crumes, einziger Hetero der glorreichen Sieben, überwand in der Gruppe seine tief verwurzelte Homophobie. Und Carlton Wilborn, wie Salim Gauwloos seit 25 Jahren infiziert, führt vor Augen, wie man als HIV-Positiver nicht nur überlebt, sondern lebt.

Über die einstige „Übermutter“ verliert allerdings keiner der Tänzer ein böses Wort. Zum Ausdruck kommen ihre seelischen Verletzungen mimisch durch ihre Körper. In einer beeindruckenden Montage von Tanz-Szenen kehren Madonnas ehemalige Paradiesvögel ihr Innerstes nach außen. So erweist der Film sich auch Zeitreise.

Er verdeutlicht, dass schwul zu sein bis in die frühen 1990er Jahre bedeutete, „der Andere“ zu sein. Man galt als „subversiv und pervers“. Mehr oder weniger gegen ihren Willen wurden die Tänzer zu Vorreiter einer Bewegung, die Homosexualität offen auslebt. Obwohl Madonna dabei eine unglückliche Rolle spielte, hat sie an der Emanzipation der Schwulen dennoch einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Einen Auftritt in „Express yourself“ lehnte sie wohlweißlich ab.

"Express Yourself", Arte, Freitag, 21 Uhr 45

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