TV-Doku über Flüchtlinge : "Wir dürfen nicht sein"

Flüchtlinge untergebracht, Dorfbewohner aufgebracht: "Willkommen auf Deutsch" ist eine sehenswerte ARD-Doku über Willkommenskultur - und nebenbei auch eine Deutschstunde.

Nikolaus von Festenberg
Hoffen auf eine bessere Zukunft in Deutschland: Larisa ist mit ihrer Mutter und ihren fünf Brüdern aus Tschetschenien geflüchtet.
Hoffen auf eine bessere Zukunft in Deutschland: Larisa ist mit ihrer Mutter und ihren fünf Brüdern aus Tschetschenien geflüchtet.Foto: NDR

Appel, so heißt das Dorf im Landkreis Harburg unweit von Hamburg. 415 Einwohner hat die Gemeinde, viele Eichen, ein altes Feuerwehrhaus und ein leer stehendes Altersheim. Ruhe und Beschaulichkeit scheinen erste Bürgerpflicht zu sein. Aber Hartmut P. ist aufgebracht. Die Kamera begleitet ihn, wie er wütend durch den Ort stapft. 53 Asylbewerber, alles Männer, sollen in und um das leer stehende Seniorenheim untergebracht werden. Der Landkreis will es so, die Menschen im Ort sind aufgebracht.

Schlechte Melodramen würden die Stimmung jetzt aufheizen: Hartherzige St. Floriane wider das Elend der Bedürftigen. Versteckter und offener Rassismus, heillose Fronten. Doch die Dokumentation „Willkommen auf Deutsch“ von Carsten Rau und Hauke Wendler nimmt sich die Zeit für die Beobachtung der Wirklichkeit – und die Klischees zerbrechen.

Der Plan, in einem Ort von 450 Einwohnern 53 Männer unterzubringen, scheitert. Die Gemeinde verweigert die Zustimmung zu baulichen Veränderungen, aber der Wirt ist bereit, für elf Flüchtlinge in seinem Gasthof „Deutsches Haus“ Zimmer bereitzustellen. Die anfängliche Aggression zwischen Behörden und Bürgern löst sich auf.

Eine deutsche Anwohnerin engagiert sich

In Tespe, einer in der Nähe gelegenen Gemeinde, zeigen die Autoren Rau und Hauke die Schwierigkeiten einer Flüchtlingsfamilie aus Tschetschenien. Die Wohnung in einer ehemaligen Sparkasse ist für die Mutter mit ihren sechs Kindern zwar geräumig, aber die traumatischen Belastungen erscheinen schier unüberwindbar. Vom Vater fehlt jede Spur, die Mutter muss wegen seelischer Erschöpfung ins Krankenhaus, die 21-jährige Tochter übernimmt die Mutterpflichten, bis auch sie zusammenbricht. Die Bewohner am Ort holen die Polizei, als der Bruder laut auf dem Balkon weint. Die Ausländerpolizei verlangt, dass die Tschetschenen in Polen Asyl beantragen, weil sie über Polen Deutschland erreicht haben. Die Tochter verzweifelt: „Wir dürfen nicht sein“. Dürfen sie aber doch. Denn es gibt Ingeborg Neupert, eine deutsche Anwohnerin, die sich um die Familie kümmert. Sie hilft beim Deutschlernen, sie schläft mit ihrer Freundin bei der Familie, als Mutter und Schwester ausfallen.

In der Schlussbilanz dieser sehenswerten filmischen Begleitung gibt es Hoffnung: Vielleicht dürfen die Tschetschenen in Deutschland bleiben. Der aufgeregte Protestierer aus Appel guckt nicht mehr ganz so zornig in seine grüne Umgebung und redet von Eichen. Der Wirt vom „Deutschen Haus“ ist mit seinen zahlenden Asylgästen zufrieden.

In einem Kinofilm würden wir von Kitsch sprechen, aber: Es handelt sich um Wirklichkeit. Nikolaus von Festenberg

„Willkommen auf Deutsch“, ARD, Dienstag, 22 Uhr 45

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