TV-Drama : Ein Sohn verschwindet

"Haltet die Welt an“: Christine Neubauer überzeugt als ernsthafte Schauspielerin.

Katharina Zeckau
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Wo ist Tobias? Katja (Christine Neubauer) sucht mit wachsender Verzweiflung nach ihrem verschwundenen Sohn. -Foto: ARD

Am Anfang blitzt es kurz hervor, das ewig patente und ein bisschen freche Vollweib, als das man Christine Neubauer aus ungezählten Fernsehproduktionen kennt. Da sperrt sie in der Rolle der Krankengymnastin Katja Winzer eine ebenso betagte wie lebensmüde Patientin kurzerhand in eine Abstellkammer, um ihr zu beweisen, dass sie ebendort noch lange nicht hingehört. Die Kollegin ist empört, die Patientin aber tritt bekehrt aus dem Kabuff hervor. Auf derlei schlichte Mechanismen verzichtet der Fernsehfilm „Haltet die Welt an“, je länger er dauert, zu seinem und des Zuschauers Glück jedoch. Und Christine Neubauer darf zeigen, dass sie mehr ist als das publikumswirksame Zugpferd der gut geölten Herz-Schmerz-ARD-Degeto-Maschinerie: eine ernstzunehmende Schauspielerin nämlich.

Der Film erzählt die wahre Geschichte des achtjährigen Felix aus Niedersachsen, der im Oktober 2004 spurlos verschwand und zwei Monate später tot aufgefunden wurde. Der Junge war einem Triebtäter zum Opfer gefallen. Seine Mutter Anja Wille verarbeitete das Geschehen in dem Buch „Und trotzdem lebe ich weiter – Mein Leben ohne Felix“, das als Vorlage für den Film diente. Felix heißt hier Tobias, Anja heißt Katja, ansonsten aber hält sich das Drehbuch von Annette Hess eng an die Fakten.

Vielleicht war es gerade der authentische Hintergrund, der die Filmemacher von allzu viel Rührseligkeit abhielt. Regisseur Hartmut Griesmayr inszeniert Katjas Geschichte als langen Abschied zwischen Hoffen und Bangen, auf vordergründige Dramatik verzichtet er dabei ebenso weitgehend wie auf Sensationsheischerei. Die Positionierung ist klar: Eine Lanze für die Opfer will der Film brechen, ein in der deutschen Fernsehlandschaft mit ihren omnipräsenten Täterfiguren rarer Ansatz.

Nahe bei seinen Protagonisten bleibt der Film, bei Katja, ihrem labilen Freund Jürgen (Martin Feifel) und Hauptkommissar Maartens (Filip Peeters), der der Mutter als psychologische Betreuung an die Seite gestellt wird. „Er lebt. Ich bin seine Mutter. Ich spür das“, sagt Katja, nachdem Tobias vom Bolzplatz nicht nach Hause gekommen und eine erste Suche erfolglos verlaufen ist. Mit großem Aufgebot durchkämmt die Polizei Wälder und Tümpel, wurde doch in der Region erst wenige Monate zuvor ein Mädchen ermordet. Der Fall Felix löste einst eine der größten Suchaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik aus. Der Film aber konzentriert sich auf die Räumlichkeiten der von Presse und Polizei umlagerten Mutter, die dem albtraumhaften Geschehen mit Aktionismus und trotziger Zuversicht begegnet.

Christine Neubauer, die hier nicht zum ersten Mal, aber vielleicht am bislang überzeugendsten eine verzweifelte Mutter gibt, spielt das mit der gebotenen Mischung aus Präsenz und Innerlichkeit. Als die vom Suchen und Warten zermürbte Katja zu Nikolaus in der örtlichen Bäckerei für ihren Sohn einen Stiefel füllen lässt, hat das so gar nichts mehr von einem „Vollweib“, sondern eher etwas von leisem Verstandesverlust an sich.

Eine Art Totenklage ist „Haltet die Welt an“, dementsprechend elegisch wird erzählt. Immer wieder lässt Kameramann Rolf Greim dunkle Vogelschwärme über die regenfeuchte Landschaft fliegen, braun, blau, grau und schwarz sind die Farben des Films. Weniger Gespür legt die Produktion bei der Tonebene an den Tag. Als würde dem emotionalen Gehalt von Schauspiel und Atmosphäre nicht getraut, ist hier noch jeder Bildwinkel mit zur Empathie auffordender Musik verklebt.

Es passiert nicht allzu viel in diesem Film, und um den Ausgang der Geschichte weiß man von Beginn an. Und doch bleibt „Haltet die Welt an“ eindringlich bis zuletzt. Erstaunlich genug. Noch erstaunlicher aber, dass man dies über eine Produktion sagen kann, die vom berühmt-berüchtigten Freitagabend-Team der ARD – Produzentin Regina Ziegler, Auftraggeber Degeto und Hauptdarstellerin Christine Neubauer – gestemmt wurde.

„Haltet die Welt an“, Freitag, ARD, um

20 Uhr 15

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