TV-Kritik : Der alte Mann und die Simpel

Anne Will nimmt Abschied vom Talk-Sendeplatz am Sonntag. Arnulf Baring zeigt dabei, was eine konservative Meinungsharke ist.

von

Anne Will. ARD. Die konservative Fraktion im deutschen Talkfernsehen muss dringend eine Castingshow veranstalten; ansonsten wird sie verstummen, verschwinden. Nur noch drei tummeln sich im Talkzentrum, Peter Scholl-Latour (87), Olaf Henkel (71), Arnulf Baring (79). Das hat Folgen: Mümmel-Deutsch, Rechthaben seit dem letzten Jahrtausend, Meinungen, die ins Reaktionäre lappen können, Alters-Jähzorn, umgekehrt Erfahrung, die ihresgleichen sucht, aus steinerner Realpolitik gebaute Argumentations-Bögen. Augenauswischerei ist nicht.

Am Sonntag, dem Finaltag von „Anne Will“, gab sich Baring die Ehre. Es ging um die 200 deutschen Panzer, die die Merkel-Regierung offenbar nach SaudiArabien rollen lassen will. Das ist eine politisch hochgerüstete Frage, aber weil diese Facette immer schwieriger zu diskutieren ist als die moralische, saßen Baring und dem CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl der „Zeit“-Publizist Theo Sommer, Barbara Lochbihler (Ex-Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion, Grünen-Abgeordnete im Europa-Parlament) sowie Jürgen Todenhöfer gegenüber.

Todenhöfer ist Autor und Kriegsgegner. Er will Deutschland als „Friedensmacht“ wirken sehen, Waffenexporte in Krisengebiete nannte er „Irrsinn“ und „Perversion“, eine Position, der Lochbihler heftig und Sommer deutlich assistierten. Das sind genau jene Momente, in denen sich die selbstgewisse, unerschütterlich moderierende Will und ihre Redaktion zu ihrer Einladungspolitik gratulieren durften. Denn: Arnulf Baring fährt sekundengenau aus der Haut. Mehr einmal lässt er die Pazifisten-Runde wissen: „Ach Kinder, Ihr seid doch alle simpel.“ Nun ist der Zensor nicht eben so gebaut, dass er die zahlreichen Facetten der Außen-, Sicherheits-, Wirtschafts- und Menschenrechtspolitik überlegen an- und seine Argumente überlegt ausspielt. Er ist, sorry to say, der Lord Voldemort der deutschen Talkshow, wo Jürgen Todenhöfer den Harry Potter gibt. Der dunkle Lord und der Tugend-Befeuchtete, das sind zwei, die sich am Sonntag eindringlich für den Will-Nachfolger Günther Jauch empfohlen haben.

„Im Ergebnis werden wir hinterher genauso schlau sein wie zu Beginn der Sendung“, sagte Baring. Er behielt, was so schwer nicht war, recht, trotzdem wurde 60 Minuten diskutiert. Denn das ist das ominöse Wesen der Talkshow, auch der erfolgreichsten: Thema setzen, Positionen besetzen, bei erhöhter Betriebstemperatur streitig ausbreiten – fertig. Das ist fern von jeder Problemlösung, das ist Erklärung, im besten Fall Aufklärung.

Das hat „Anne Will“, das haben Redaktion und Moderatorin, übrigens heftig beklatscht von Lebensgefährtin Miriam Meckel im Studiopublikum, beim Abschied vom Sendeplatz offensiv geleistet. Abgesehen von jenem merkwürdigen Augenblick, als Todenhöfer offensichtlich eigenes Bildmaterial von seinem heldenhaften Einsatz an der Rebellenfront in Libyen in die Sendung einspeisen durfte. Propaganda in eigener Sache geht nicht.

Wer sich tiefergehende Sorgen machen will, der denkt bitte über die allzu dünne Personaldecke der Talkshow-Konservativen nach. Moraltrompeter, Linksdreher, Claudia-Roth-Sirenen gibt es zahllos viele, gebraucht aber werden diese alten, grantigen Meinungs-Söldner, die ihre Haut zu Markte tragen. Joachim Huber

Adolf Sauerland linst vorsichtig durch den Türspalt. Draußen ziehen die Duisburger am Tag der Offenen Tür über den Rathaus-Flur, drinnen steht ihr Oberbürgermeister in einem kleinen Büro und traut sich nicht heraus. Später dann doch. Am Eingang seines Amtszimmers empfängt er die Besucher per Handschlag. Bis es ihm zu viel wird. „Ich gehe jetzt mal aus der Schusslinie“, sagt er und tritt nervös ein paar Schritte zurück. Das war am 3. Oktober 2010, gut zwei Monate nach der Tragödie bei der Loveparade in Duisburg, bei der 21 Menschen starben und nach der sämtliche Verantwortliche nichts Eiligeres zu tun hatten als genau dies: sich jetzt mal aus der Schusslinie zu bringen.

Die Szene aus dem Rathaus, in der Sauerlands Verunsicherung, sogar Angst vor seinen Bürgern so genau zu beobachten ist, ist dem 45-minütigen WDR-Film „Die letzte Loveparade“ zu verdanken, der am Mittwoch im Ersten zu sehen ist. Eva Müller und Maik Bialk erzählen eindrucksvoll vom Jahr danach, von Sauerlands sturem wie hilflosem Weiter-so, von der Trauer und dem neuen Aufbruch eines Ehepaars, das ihren einzigen Sohn verloren hat, und von dem Versuch von Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller, auf die Angehörigen zuzugehen. Das Autoren-Duo bleibt diskret und hält sich mit eigenen Urteilen zurück. Nicht die Suche nach den Schuldigen steht hier im Vordergrund, sondern der Umgang mit Kategorien wie Moral und Verantwortung nach einer solchen Katastrophe.

Die Dokumentation hatte schon vor der Ausstrahlung ein Echo in den Medien erzeugt, denn Sauerland räumt darin erstmals eigene Fehler ein. Die Übernahme moralischer Verantwortung „hätte von mir kommen müssen“, sagt er. Auch dass er sich nicht sofort bei den Angehörigen entschuldigt habe, „tut mir unendlich leid“. Sogar die Konkurrenz wird das zitieren, wie ZDF-Redakteur Christian Dezer bestätigte. Das ZDF hatte kein Interview mit Sauerland erhalten, wird aber am heutigen Dienstag als erster Sender kurz vor dem Jahrestag an die Tragödie vom 24. Juli 2010 erinnern.

Von dem 90-minütigen Dokudrama „An einem Tag in Duisburg“ gab es allerdings vorab für die Presse nur knapp vierminütige Ausschnitte zu sehen, am Film werde noch bis kurz vor Ausstrahlung gearbeitet, erklärte Dezer. Der Grund liegt offenbar in der extrem kurzen Vorbereitungszeit. Erst im Februar war nach Dezers Angaben die Idee zur Reihe „An einem Tag in...“ entstanden. Innerhalb von nur fünf Monaten sind demnach gleich drei Filme über jüngere schicksalhafte Ereignisse produziert worden: Über die Loveparade von Duisburg, die Rettung der Bergleute in Chile und die Bombardierung von zwei Tanklastern in Kunduz/Afghanistan, bei der viele Zivilisten ums Leben gekommen waren. Sie werden nun an drei Dienstagen hintereinander auf dem Doku-Sendeplatz des ZDF ausgestrahlt. Zu etwa einem Drittel bestehen sie jeweils aus Spielszenen.

Der Film über Duisburg will schildern, wie es zu der Katastrophe kommen konnte, wie die Ereignisse am Tag selbst abliefen. Dazu zählen auch Originalbilder, die Teilnehmer mitten im Gedränge mit ihren Handys drehten – schreckliche Szenen, mit denen das ZDF hoffentlich zurückhaltend umgeht. Nachgestellte Bilder vom Todeskampf der Menschen im Duisburger Tunnel werde es nicht geben, beteuerte Dezer. Das ZDF hatte mit Kaspar Heidelbach („Tatort: Das Wunder von Lengede“) zwar einen erfahrenen Regisseur engagiert. Der Sender verstärkt damit dennoch einen zweifelhaften Trend: Das Fernsehen inszeniert immer häufiger, was früher nur dokumentiert worden wäre. Realität pur, das gilt zunehmend als langweilig. Informationen müssen in Emotionen übersetzt werden.

Das muss nicht immer falsch sein – aber im Fall Duisburg? Nur ein Jahr nach einem Unglück, in dem die Aufarbeitung längst nicht abgeschlossen ist? Eine fiktionale Interpretation erscheint verfrüht, auch wenn Dezer erklärt, das ZDF habe umfangreiches Material als Grundlage nutzen können, darunter den Bericht der Staatsanwaltschaft, die gegen 16 Personen aus der Stadtverwaltung, vom Veranstalter und von der Polizei ermittelt. Verschiedene Medien haben die Ereignisse von Duisburg bereits wie in einem Puzzle zusammengesetzt, auch „Spiegel TV“ wird das in einer weiteren Dokumentation tun, die am 27. Juli bei Vox ausgestrahlt wird. Das ZDF will nun offenbar die Geschehnisse hinter den Kulissen visualisieren. Einen spannenderen Sauerland als den echten aus der ARD-Dokumentation wird Schauspieler Waldemar Kobus aber gewiss nicht erzeugen können.

„An einem Tag in Duisburg“, 20 Uhr 15, ZDF, „Die letzte Loveparade“, Mittwoch, 23 Uhr 30, ARD

Autor

40 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben