TV-Kritik : Maybrit Illner wirft alle Flüchtlinge in einen Topf

Eigentlich bietet das Thema genug Stoff für einen knackigen Politiktalk. Doch Maybrit Illner und ihre Gäste kennen sich in der Flüchtlingsproblematik einfach nicht gut genug aus.

Richard Weber
War nicht gut genug auf das Thema Flüchtlinge vorbereitet: Maybrit Illner.
War nicht gut genug auf das Thema Flüchtlinge vorbereitet: Maybrit Illner.Foto: dpa

Mehr als 13 Millionen Menschen sind vor den Bürgerkriegen im Irak und Syrien geflohen. 22.000 Asylanträge in Deutschland. Nur im Oktober. Aber 40 Prozent mehr als im September. Bis Ende 2014 werden es wohl weit über 200.000 Asylanträge sein. Überforderte Behörden. Überforderte Städte und Gemeinden.

Und der Bund schiebt die Problem an die EU weiter. Genug brisanter Stoff für einen knackigen Politiktalk. Unter dem Titel „Flüchtlinge in Deutschland. Vertrieben, verwaltet, verachtet?“ will Maybrit Illner die Flüchtlingsproblematik wenigstens verbal in den Griff kriegen. Aber sie scheitert. Massiv. Das liegt zum Teil an den Gästen. Aber auch zum Teil an der Moderatorin. Erster großer Fehler. Alle Flüchtlinge werden in einen großen Topf geworfen. Ob sie aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen flüchten. Ob aus Angst vor dem Diktator Assad oder der Terror-Miliz „Islamischer Staat“.

Oder weil in den meisten afrikanischen Staaten, die Menschen keine Hoffnung mehr haben auf geordnete oder wirtschaftlich gesunde Verhältnisse. Für Kriegsflüchtlinge gibt es Aufnahme-Kontingente in Deutschland und Schweden. Aber zu wenig. Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln stellt fest, dass sich die anderen EU-Staaten vor dieser humanitären Hilfe drücken. Außerdem kommt ein Großteil der Flüchtlinge über Spanien, Italien und Griechenland in die EU. Wegen der Dublin-II-Verordnung sind diese EU-Grenz-Staaten für die Asylverfahren zuständig. Gut für Deutschland.

Sehr schlecht für Italien, Spanien, Griechenland. Und noch schlechter für die Flüchtlinge, die ganz sicher nicht ins marode Griechenland einwandern wollen. Younes Ouaqasse, Mitglied im CDU-Bundesvorstand verkündet stolz, das er sich mit einem Mathematiklehrer aus Zentralafrika unterhalten hätte. Der sei seit Jahren auf der Flucht und jetzt in Melilla gelandet, der spanischen Exklave an der nordafrikanischen Küste. Und der wolle eh wieder zurück. Ouaqasse zieht dann den ziemlich kühnen Schluss, das eigentlich kein Asylbewerber in Deutschland bleiben will. Das eigentlich alle wieder in ihre Heimatländer zurückkehren wollen.

Buschkowsky platzt der Kragen

Jetzt platzt dem tiefenentspannten Buschkowsky der Kragen. Der leise und unauffällige Einwand von Pater Alfred Tönnis, dass man doch zwischen Kriegsflüchtlingen und Asylbewerbern unterscheiden müsste, geht im allgemeinen Talkgewimmel unter. Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär bewegt sich auch lieber auf dem Vereinfachungspfad für schicke Schlagsätze: „Lampedusa darf kein Vorort von Kiefersfelden werden.“ Ach was! Damit nicht genug, er argumentiert, dass sich eh nur wirtschaftlich Wohlsituierte die teuren Schlepper-Kosten leisten könnten.

Auf einen Großteil der Flüchtlingsmassen trifft das nicht zu. Aber  Maybrit Illner greift moderativ nicht ein. Pater Tönnis kümmert sich um 75 syrische Flüchtlinge. Hochachtung. Aber dann holt er die Gutmensch-Keule aus dem großen Sack der Moral. Keine Integration wie von Buschkowsky gefordert. Keine Schulung. Nicht wir sollen den Flüchtlingen was beibringen. Deutschland soll von den Flüchtlingen lernen.

Lernen, was Familie bedeutet. Lernen, was Bescheidenheit bedeutet. Lernen, dass man nicht sechs Paar Turnschuhe braucht, dass es auch ein Paar tut. Eine interessante Aufgabe für Millionen Flüchtlinge, für die sie sich sicher jeden Tag mehrmals bedanken. 60 Minuten babylonische Sprachverwirrung. Und das in deutscher Sprache.

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