TV-Kritik zu Maischberger : Talk über Depression macht Zuschauer depressiv

Der Talk über Depressionen bei Sandra Maischberger wird zur Hatz durch zu viele Einzelschicksale. Die Moderatorin lässt jeden Biss vermissen.

Richard Weber
Zeigt die Zähne, hatte am Dienstag aber keinen Biss: Sandra Maischberger.
Zeigt die Zähne, hatte am Dienstag aber keinen Biss: Sandra Maischberger.Foto: dpa

Erster Fall: die nicht mehr ganz junge Musical-Diva Dagmar Koller verliert ihre Stimme, weil ihr Mann, der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk mit 81 Jahren stirbt. Zweiter Fall: Hubert Kah, mal erfolgreicher, mal erfolgloser Musiker und nach dem quotenträchtigen „Promi Big Brother“ von BILD zur berühmtesten Hamsterbacke des Boulevard hochgeschrieben, stand vor 30 Jahren am Fenster. Plötzlich traf ihn ein Funke und die Erkenntnis, das er gar nicht mehr so richtig glücklich sei.

Dritter Fall: die Moderatorin Nova Meierhenrich, leidet so an den Depressionen ihres Vater mit, das sie selbst depressiv wird. Drei pralle Schicksale. Drei Formen von Depressionen. Jedes noch so kleine Regenbogenblatt würde aus einem Fall mindestens eine Sondernummer oder gleich eine 15-teilige Magazin-Serie machen. Nicht so bei Maischberger. Die Redaktion hat furchtbar Angst, das es schon nach der Hälfte der Sendung nichts mehr zu betalken gäbe. Deshalb wird zu den drei Fällen noch einer vierter dazu gepresst.

Der Kommunikationsmanager Daniel Göring, der alle Anzeichen und Warnsignale für seinen Burnout übersieht. Der in schwere Depressionen abrutscht. Sich das Leben nehmen will. Überlebt, sich fängt, ein Buch schreibt und jetzt wieder in seinem alten Beruf arbeitet. Aber die Redaktion hat immer noch Panik, das das nicht genug Schicksal für 75 Minuten Talk sein könnte. Also werden noch zwei Experten eingeladen. Die Psychotherapeutin Angelika Kallwass und der Arzt und Psychiater Prof. Dr. Martin Keck. Sechs Gäste und eine Moderatorin.

Atemlos wird von einem Fall zum nächsten gehastet

Und die soll ja auch noch Fragen stellen. Wenig Zeit für diese geballte Ladung menschlicher Schicksalsschläge. Atemlos wird durch die Sendung gehastet, von einem Fall zum nächsten. Für nichts ist wirklich Zeit da. An allem wird nur oberflächlich gekratzt. Nichts intensiver besprochen. Die einzelnen Tatbestände, serviert in genießbaren Mini-Häppchen. 30 Sekunden für eine Karriere-Krise, 30 Sekunden für Stromstöße als Therapie. 30 Sekunden für einen Selbstmord. Eine totale Readers-Digestisierung.

Aber nicht nur die Redaktion macht Fehler, auch Sandra Maischberger ist bei dieser Sendung weit entfernt davon, wirklich gut zu sein. So viel Gesprächsstoff und so viele Themenaspekte. Da braucht es eine klare Struktur und eine Vorstellung davon, wo die Unterhaltung landen soll. Maischberger eiert kompasslos und ohne viel Erkenntnisgewinn durch die Konversation. Sie lässt sich von Unwichtigkeiten und Nebenfragen ablenken, von der Hauptthematik weglocken.

Maischberger ohne Biss - wie ein zahnloser Hund

Bei normalen Gästen, also Betroffenen, die nicht aus der selbstreferenziellen Mediensuppe kommen, ist Sandra Maischberger kritisch und einfühlsam. Da interessiert sie sich für ihre Gäste. Bei den A-, B- und C-Promis dieser Sendung ist sie unkritisch und ohne Biss. Wie ein alter zahnloser Hund.

Vor allem Dagmar Koller und Hubert Kah können unwidersprochen ihre mediale Selbstdarstellung frönen. Da flattern so viele falsche Töne, so viel gespielte Betroffenheit und so viele erwartbare Klischees durchs Studio, das man es fast nicht aushält. Man  glaubt, in einer Off-Broadway- oder sogar in einer Off-Off-Broadway-Aufführung zu sitzen. Das gespielte Stück - „Nicht einer, sondern vier fliegen über das Kuckucksnest“. Depression, oft eine nicht richtig erkannte oder unterschätzte Krankheit. 4 Millionen Menschen sind allein in Deutschland davon betroffen. Nach dieser ziemlich schlechten Sendung könnten es noch ein paar mehr werden.

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