TV-Nachrichten : Ein Foto sagt mehr als 1000 Bilder

Pro-Sieben-Sat-1-Chef Ebeling weiß, wie TV-Nachrichten billiger werden. Eine Diskussion in Berlin.

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Ernst gemeint. Moderatorin Christiane Jörges staunte nicht schlecht, als Pro-Sieben-Sat-1- Vorstandschef Thomas Ebeling seine...

Thomas Ebeling ist Vorstandsvorsitzender der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe. Auch in der Brust des früheren Pharma-Managers schlägt ein Herz, aber für Fernsehnachrichten schlägt es nicht. Ebeling hatte Ende 2009 drastische Sparmaßnahmen im Newsbereich des Fernsehkonzerns angekündigt. „Nachrichten sind vielleicht für das Image bei Politikern wichtig, aber nicht unbedingt bei allen Zuschauern.“ Mit diesem „Kracher“ wurde der Prozess gestartet, der mit einem Verkauf von N 24, Nachrichtensender und Nachrichtenproduzent für alle Sender von ProSieben Sat 1, enden wird.

„Einige Interessenten“ haben sich laut Ebeling gemeldet. Allerdings sei es noch zu früh, die Ernsthaftigkeit zu bewerten, sagte der Manager am Montagabend auf der Diskussionsveranstaltung in Berlin, zu der der Redaktionsausschuss von N 24 eingeladen hatte. Bis Ende März sollten die Angebote vorliegen, im zweiten Quartal könne dann über N 24 entschieden werden. „Ich glaube, es ist fair zu sagen, dass ein Fortbestand in der jetzigen Form nicht angedacht ist.“

Die Proteste der Belegschaft wegen des erwarteten Stellenabbaus, die Sorgenfalten bei der Politik wie auch bei den Landesmedienanstalten über ein Weniger an Nachrichten im größten privatwirtschaftlichen Senderverbund werden Ebeling und die Eigentümer aus der Private-Equity-Branche nicht vom Weg abbringen: Das klare Ja zu News wird mit einem ebenso klaren Ja zu deutlich niedrigeren Preisen bei der Newsproduktion verbunden. Ebeling macht da niemandem etwas vor. „Wir müssen Wirtschaftlichkeit und publizistische Verantwortung einigermaßen in Einklang bringen“, heißt sein Argument. Nachrichten sind ein Kostenfaktor, ein Zuschussgeschäft, das ist bei ProSieben Sat 1 nicht anders als bei der RTL-Gruppe, wo allerdings die Notwendigkeit von ernst gemeinten Nachrichten bei n-tv wie bei der Senderfamilie nicht in Zweifel gezogen wird.

Es scheint ein bemerkenswerter Unterschied darin zu stecken, ob ein privatwirtschaftlicher Fernsehkonzern das Handelsobjekt von „Heuschrecken“ ist oder zu einem Medienunternehmen wie Bertelsmann gehört, das auch im TV-Segment wirtschaftliches Handeln und publizistisch-gesellschaftliche Verpflichtung zur Deckung bringen will.

Nach einem kolportierten Zahlentableau investiert die ProSieben Sat 1 Media AG jährlich rund 65 Millionen Euro in den Newsbereich. Diesen Betrag will Ebeling via Verkauf von N 24 und über den künftigen Einkauf von Nachrichten – gerne bei N 24 reloaded – um bis zu zwei Drittel kürzen. 20, vielleicht 25 Millionen soll das künftige Jahresbudget ausmachen. Welche Nachrichten das sein werden, das skizzierte Ebeling in Umrissen. Ein Anchorman, das müsse schon sein, zugleich „muss man nicht immer unbedingt ein bewegtes Bild haben, ein Foto reicht auch“. Einlassungen wie diese riefen nicht nur Empörungsgemurmel bei den anwesenden N-24-Mitarbeitern hervor, sondern auch einen dezidierten Kommentar von Christian Wulff: „Dann könnten wir auch sagen, dann geben wir Ihnen eine Videotextseite.“

Der niedersächsische Ministerpräsident verwies auf die Wichtigkeit von Nachrichtensendungen, ihre imageprägende Wirkung und auf die gesellschaftliche Verantwortung auch der privaten Sender. „Wir leiden darunter, dass es eine wachsende Spaltung der Gesellschaft gibt.“ Nur noch ein Bruchteil der 14- bis 49-Jährigen würden „heute“ beim ZDF oder die „Tagesschau“ bei der ARD einschalten. Viele Menschen verstünden die komplexen Vorgänge in der Welt nicht mehr und entzögen sich der Wirklichkeit. „Das treibt mich um.“ Es sei eine Fehlentscheidung gewesen, dass der Medienkonzern Axel Springer den Sender nicht übernehmen durfte, denn Verlagsmanager agierten verantwortungsvoller als Finanzinvestoren. Wulff erinnerte an Axel C. Springer, der sich mit den Einnahmen aus „Bild“ die Defizite der „Welt“ leistete. Wer Fernsehen in erster Linie als „Wirtschaftsgut“ und nicht als „Kulturgut“ versteht, der wird in diesem CDU-Politiker keinen Freund finden.

Der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, Thomas Langheinrich, sang den Refrain dazu: „Wir wollen, dass der private Rundfunk auch in Zukunft Nachrichten oder publizistischen Mehrwert bringt.“

Das will Ebeling auch, nur nicht im jetzigen Kostenrahmen, in der jetzigen Form. Der Fernsehmanager reklamierte einen erweiterten Informationsbegriff für sich. Klassische Nachrichten, gut und schön, aber bringen Formate wie Stefan Raabs Sendung am Vorabend der Bundestagswahl oder das Magazin „Galileo“ nicht mehr relevante Neuigkeiten unter mehr Fernsehzuschauer?

Thomas Ebeling wurde in der Debatte mit Appellen und Ratschlägen und Angeboten zugeschüttet. CDU-Politiker Wulff bot beispielsweise Unterstützung für die Privaten zum Beispiel bei der technischen Infrastruktur an: „Wenn in Haiti die Öffentlich-Rechtlichen eine Sendestation errichten während des Erdbebens, müssten die Privaten das zu vertraglich vereinbarten Bedingungen so mitnutzen können.“

Politik und Aufsichtsbehörden werden den Transformationsprozess beim Münchner Fernsehkonzern aufmerksam begleiten, aktiv eingreifen im Sinne von Zwangsmaßnahmen über Volumina und Ausgestaltung der Nachrichten werden sie nicht. Bei Pro Sieben Sat 1 schlägt, nicht zum ersten Mal, die Stunde der Investoren. Öffentlich den Finger gehoben haben bislang N-24-Geschäftsführer Torsten Rossmann, der in einer noch zu gründenden GmbH mit Stefan Aust den Nachrichtensender übernehmen will. Diese angekündigte Kombi aus N-24-Versteher Rossmann und Ex-„Spiegel“-TV-Macher Aust hat in der Branche und, wie zu hören ist, bei weiteren Investoren Interesse erregt.

Die Hoffnungen der rund 250 N-24-Mitarbeiter richten sich nun auf dieses Duo, damit die befürchteten „Massenentlassungen“ im Berliner Sender ausbleiben und weiter „ansehbare Nachrichten“ produziert werden. Beide, Rossmann und Aust, haben die Diskussion am Montagabend aufmerksam verfolgt. Sie konnten den Eindruck gewinnen, dass es für Thomas Ebeling außer bei den Kosten nicht von Vorteil bei Publikum und Öffentlichkeit sein wird, wenn in gewollt biedermännischen Nachrichten bei Sat 1, Kabel 1 und Pro Sieben das Foto das Bild verdrängen wird. Ein bewegter Mensch ist ein bewegter Zuschauer.

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