TV-Pietät : Tote und Tabus

Nach der Brandkatastrophe und der Verschiebung des Ludwigshafen-„Tatort“ kommt die Frage auf: Was dürfen TV-Filme - und was nicht?

Markus Ehrenberg,Sonja Pohlmann
Tatort
Vorerst nicht zu sehen: Der neue "Tatort" mit Ulrike Folkerts. -Foto: ddp

Vor ein paar Wochen sorgte ein NDR-„Tatort“ für Ärger, der die Volksgruppe der Aleviten beleidigt haben soll. Nun wurde nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen mit neun Toten in einem von Türken bewohnten Haus der SWR-„Tatort“ mit Ulrike Folkerts über einen Mord im türkischstämmigen Milieu von morgen auf den 6. April verschoben wurde. Da stellt sich die Frage, ob Deutschlands Vorzeigekrimi nicht doch ein Problem mit der Wirklichkeit hat oder zumindest mit der Themenfindung.

Sicher, Katastrophen wie die in Ludwigshafen bleiben unvorhersehbar, aber sind solche Koinzidenzen bei einem Thema wie Zwangsheirat unter Türken auch zu vermeiden? Zwei Jahre liegen zwischen der Idee für ein „Tatort“-Drehbuch und der endgültigen Ausstrahlung, sagt Autor Pim Richter, der zahlreiche „Tatort“-Folgen geschrieben hat und Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Drehbuchautoren ist. Deshalb könne es immer wieder vorkommen, dass sich aktuelle Vorfälle wie die in Ludwigshafen mit Themen im „Tatort“ überschneiden. Außerdem wollen die Sender brisante Themen, bestätigt der Münchner Autor Benedikt Röskau, der mit dem „Contergan“-Film zuletzt für Kontroversen gesorgt hatte. „Wenn wir aus Angst, Fehler zu machen, untätig bleiben, können wir unseren Job gleich hinschmeißen. Wir müssen an die Grenzen gehen.“

Ähnlich sieht das Regisseur und Autor Züli Aladag, der der ARD 2006 mit dem umstrittenen Fernsehfilm „Wut“ und dem Thema eskalierender Gewalt von türkischstämmigen Jugendlichen heikle Tage beschert hat. Es bringe nichts, mit einer Schere im Kopf an Stoffe heranzugehen und von vornherein mögliche Reaktionen zu berücksichtigen. „Das muss man dem Publikum überlassen. Bitte keine falsche politische Korrektheit.“

Das Publikum erwarte vom „Tatort“, dass gesellschaftliche Missstände in verschiedenen Milieus aufgegriffen würden, sagt auch „Tatort“-Autor Richter. Es werde aber immer nur ein fiktionales Bild der Kriminalität abgebildet. „So viele reiche und gebildete Mörder, wie sie im ,Tatort‘ vorkommen, kann es gar nicht geben.“ Die verantwortlichen Redaktionen achteten bei der Gestaltung des Drehbuchs auf Ausgewogenheit. Beispielsweise sollte vermieden werden, dass der Mörder drei Mal hintereinander ein Russe ist.

Insbesondere Drehbücher, die sich mit Religion beschäftigen, würden auf die Goldwaage gelegt. Und das nicht nur, wenn es um den Islam gehe, sondern auch bei Stoffen, die sich mit der evangelischen, der katholischen Kirche oder der jüdischen Gemeinde befassen. „Aber ein ,Tatort‘ soll sicher nicht nur unterhalten, sondern auch Diskussionen anregen“, sagt Richter.

All das im Blick behalten muss Verena Kulenkampff, die Fernsehdirektorin des WDR, die im Ersten auch für die Koordination der Fernsehfilme verantwortlich ist. Kein leichter Job, bei rund 35 neuen „Tatort“-Ausgaben im Jahr. Da darf oder sollte es auch nicht zu auffälligen Überschneidungen kommen. Die Themen Kindesmisshandlung, Pädophilie, Sterbehilfe, Migrantenprobleme, Russenmafia oder Rechtsextremismus sind unter Krimiautoren zurzeit sehr beliebt. Kein Problem mit der Wirklichkeit also? Die Verschiebung des Ludwigshafener „Tatorts“ ändere nichts an der ARD-Linie, so Kulenkampff. „Grundsätzlich beschäftigt sich der ,Tatort‘ mit Themen der Zeit. Das ist und bleibt ein Markenzeichen.“

Das dürfte die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) nicht so sehr erfreuen. Die hat die Entscheidung des Südwestrundfunks begrüßt, die „Tatort“-Folge „Schatten der Angst“ zu verschieben. Der stellvertretende TGD-Bundesvorsitzende Seref Erkayhan kritisierte, die ARD-Krimireihe folge einem medialen Trend, Menschen mit Migrationshintergrund „vermehrt mit kriminellen, klischee- und vorurteilsbehafteten Themen in Zusammenhang“ zu bringen.

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