TV-PORTRÄT : Tragik und Triumph

Ein ARD-Porträt zeigt, dass das Leben des Berliner Juden und Fernsehunterhalters Hans Rosenthal nicht lustig war.

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"Das war Spitze", dazu der Sprung in die Höhe mit ausgestrecktem Zeigefinger, das war das Markenzeichen von Hans Rosenthal in seiner ZDF-Show "Dalli, Dalli".
"Das war Spitze", dazu der Sprung in die Höhe mit ausgestrecktem Zeigefinger, das war das Markenzeichen von Hans Rosenthal in...Foto: ARD

Die letzte Ausgabe seiner geliebten Show muss ihm denkbar schwer gefallen sein, denn da wusste er es bereits. Da wusste Hans Rosenthal, dass er schwer an Krebs erkrankt ist, ihm nun Operationen bevorstehen und es mehr als offen ist, ob er weitermachen kann. Es ging nicht mehr weiter. Die Sendung, die im ZDF am 11. September 1986 ausgestrahlt wird, wie stets an einem Donnerstag, sie ist der letzte „Dalli, Dalli“-Auftritt von Hans Rosenthal. Es ist die 153. Ausgabe der beliebten Show. Als er, ganz am Schluss der Sendung, wieder die Menschen benennt, denen Gelder für einen guten Zweck zukommen, und es um eine an Krebs erkrankte Frau geht – da muss er kurz schlucken, da hält er kurz inne. Er selbst ist nun davon betroffen, er wird um sein Leben kämpfen müssen.

Das Kämpfen beginnt früh schon im Leben des Juden Rosenthal, geboren 1925 in Berlin. Es ist nicht nur ein Kämpfen gegen den wachsenden Antisemitismus in den 30er Jahren, sondern gegen das Loslassen-Müssen, gegen Verluste und Abschiede, wie Autor Lothar Schröder in seinem Beitrag für die ARD-Reihe „Legenden“ zeigt. Früh verliert der Junge seine Eltern, erst den Vater, 1937, da ist Hansi, wie er zu Hause gerufen wird, gerade einmal zwölf Jahre alt, dann die Mutter, 1941, an Krebs, da ist er 17 und Vollwaise. Und auch der jüngere Bruder Gert, der 1943 nach Riga deportiert wird, kommt nicht zurück. Zwei Jahre lang wird Hans Rosenthal von zwei Frauen in einer Laubenkolonie vor den Nazis versteckt.

Traumata, die ihn begleiten, ihn prägen. Rosenthal soll selbst in späteren Jahren, wie seine Ehefrau Traudl vor der Kamera erzählt, nachts immer wieder aufgesprungen sein, weil er meinte, da sei etwas, er habe Geräusche an der Tür gehört, es habe doch geklingelt. Die imaginierte Rückkehr seines kleinen, immer etwas kränkelnden Bruders, um den er sich stets gekümmert hat, ließ ihn nie wieder los. Diese existenzielle Verlustangst wird sich durch sein ganzes Leben ziehen.

Nach dem Ende der Nazi-Diktatur 1945 stürzt sich Hans Rosenthal ins Leben, in die Arbeit. Er will sich zurückholen, was ihm die Nazis genommen haben, er arbeitet wie ein Getriebener. Erst geht er zum Berliner Rundfunk, ab 1948 ist er dann beim Rias und geht hier in die Unterhaltung, mit „Wer fragt gewinnt“. Unzählige Sendungen, im Radio wie im Fernsehen, sollen folgen. Der Rias, das ist für einige auch „Rosenthal Ist Auf Sendung“. Und das ist er oft. „Das ist wie eine Droge. Der Hans brauchte das. Und das war sein Leben. Ob der Körper das hält, das ist was anderes“, sagt Roberto Blanco, einer der Interviewpartner.

Zuvor, bereits mit 22 Jahren, heiratet Hans Rosenthal seine Traudl, sie bekommen zwei Kinder, Tochter Birgit und Sohn Gert. Wenn er schon seine Herkunftsfamilie vollständig verlieren musste, so möchte er nun eine eigene aufbauen. Doch Rosenthal arbeitet und arbeitet, für die Familie bleibt kaum Zeit. „Es ist mir nichts in den Schoß gefallen“, sagt er einmal. Alles muss perfekt sein, alles ist minutiös geplant, sogar, wenn denn einmal Zeit dafür ist, die familiären Ausflüge und Spiele folgen der Uhr: „Dass wir uns mal zusammengesetzt und gespielt haben, war richtig terminiert. Am Wochenende wurde auch ein Plan gemacht, was wann stattfindet“, sagt Tochter Birgit Hofmann.

Im Alter von nur 61 Jahren stirbt Hans Rosenthal am 10. Februar 1987 in Berlin. Das ist inzwischen über 20 Jahre her. Seine Show wie er selbst, sie gehörten in die bundesdeutschen Wohnzimmer der 70er und 80er Jahre. Man hört ihn noch, in die Luft springend, „Sie sind der Meinung – das war Spitze!“. Gesagt von einem, der die Deutschen unterhalten wollte, der unter den Nazi-Deutschen enorm gelitten hatte und sich doch in seiner Einstellung zu den Deutschen von der Erfahrung mit jenen beiden mutigen Frauen leiten ließ, die den Berliner Juden Hans Rosenthal gerettet hatten.

„Legenden – Hans Rosenthal“, ARD, um 21 Uhr

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