TV-Talk : Reinhold Beckmann pfeift zum Abschied auf die Quote

Nach 15 Jahren beendet Reinhold Beckmann seine Sendung mit einem sperrigen Thema - und verzichtet dabei auf die üblichen Talkshow-Rituale. In Frührente will der Moderator nicht gehen, schon fürs nächste Jahr kündigt er ein neues Format an.

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Ausgetalkt: Reinhold Beckmann hört auf.
Ausgetalkt: Reinhold Beckmann hört auf.Foto: dpa

„Menschen auf der Flucht – letzte Rettung Europa“. Beckmann, ARD. Handelt es sich um eine wichtige Sendung, wenn sie ein wichtiges Thema behandelt? Reinhold Beckmann, der vor 15 Jahren seine Talkshow-Karriere mit dem Topmodel Nadja Auermann, dem Schlagersänger Matthias Reim, dem Fußballer Oliver Bierhoff und dem Sendungstitel „Süchtig nach Erfolg“ begann, beendete sie gestern mit einer Diskussion über Flüchtlingspolitik. Der Niveauverfall im Fernsehen scheint doch nicht zwangsläufig. Erfreulich, so weit.

Da saß Reinhold Beckmann gestern im dunkelblauen Anzug und einer Hornbrille, ähnlich wie sie Woody Allen trägt. Man hat noch vor Augen, wie er sich früher weit zu seinen Gästen vorbeugte und ihnen peinlich private Fragen stellte. Gestern moderierte er routiniert und eher zurückgenommen. „Herr Prantl, schottet sich Europa zu sehr ab?“ - „Herr Burkhardt, ich habe Ihnen versprochen, dass wir uns mit dem Begriff Dublin II beschäftigen.“ Schnell war klar: Beckmann wollte es mit dem sperrigen Thema und seinen vielen Verwaltungsbegriffen aufnehmen, selbst wenn sich das nicht besonders fernsehgerecht umsetzen lässt.

Die Quote kann Reinhold Beckmann egal sein

Die letzte „Beckmann“-Sendung zeigte exemplarisch, was passiert, wenn eine Redaktion die üblichen Talkshowrituale, die auf Quoten abzielen, weglässt. Die Quote kann Beckmann egal sein. Seit vergangenem Jahr steht ohnehin fest, dass er aufhören muss. Bei der Abschlusssendung fing es schon damit an, dass kein einziges wirklich bekanntes Gesicht in der Runde saß. Und nur ein Politiker: Reinhold Gall, SPD, Innenminister von Baden-Württemberg. Scheingefechte, oft parteipolitisch motiviert und von den Talkshow-Redaktionen so routinemäßig inszeniert, wie von der Fernsehkritik kritisiert, waren also ausgeschlossen.

Im Gegenteil: Günter Burkhardt, Geschäftsführer von ProAsyl, sagte über den ebenfalls geladenen Heribert Prantl, Innenpolitikchef der „Süddeutschen“: „Fast immer sind wir einer Meinung.“ In Beckmanns Abschlusssendung sah man, was passiert, wenn der programmierte Streit ausfällt. Erst herrschte Einhelligkeit. Doch da eine Fernsehtalkshow nicht der Kirchentag ist, gibt es offenbar eine Dynamik, dass schnell neuer Streit entbrennt. Diesmal traf die Kritik Reinhold Gall, den Politiker, der den sturen Bürokraten-Part, der ihm zugedacht war, aber gar nicht spielen wollte: „Ich bin doch ganz auf Ihrer Seite….“, versuchte er es zunächst. Doch da parteipolitische Differenzierungen bei der gestrigen Besetzung ausgeschlossen waren, kam es sogar dazu, dass der Pro Asyl-Geschäftsführer seinen Ärger über den Bundesinnenminister de Maizière, CDU, an den Landesinnenminister Gall, SPD, richtete. Letzterer wirkte zunehmend unglücklich.

Ganz anders Beckmann, der sich wenig wehmütig gab. „Sie sind am Ball, Herr Gall“, sagte er. Und weil er sich offenbar an seinem Reim erfreute, variierte er ihn beim nächsten Mal. „Ihr Ball, Herr Gall.“ Da ist der alte Sportreporter mit ihm durchgegangen. Wenigstens hat er am Ende nicht gesungen: Beckmann, 58, hat nämlich eine Band, der er künftig mehr Zeit widmen kann. In Frührente geht er trotzdem nicht. Fürs nächste Jahr kündigte er ein neues Format an. 

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