TV versus Internet : Canale Grande

Das Netz fordert alle Medien heraus – Fernsehen weniger, Zeitung mehr. Zur Eröffnung der Mainzer Tagen der Fernsehkritik.

Daniel Bouhs

Markus Schächter lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Weder in der Personaldebatte um seinen Chefredakteur Nikolaus Brender noch in der Debatte um die Zukunft des Fernsehens. Zwar habe die „Woche“, eine längst eingestellte Zeitung, am 3. März 1999 getitelt: „TV ist tot“. Die Totenglöckchen seien inzwischen aber verstummt. Kritiker, sagte Schächter am Montag zur Eröffnung der 42. „Mainzer Tage der Fernsehkritik“, seien lange fälschlicherweise von einem „harten Entweder-Oder-Charakter des Neuen“ ausgegangen. Online sei aber „zum typischen Sowohl-als-auch-Medium“ geworden. Will heißen: Der ZDF-Intendant geht davon aus, dass sich Fernsehen und Internet nicht verdrängen – sondern ergänzen.

Schächters Problem aber ist: In den der Entwicklung stets vorauseilenden USA schalten schon heute nur noch gut ein Drittel der Zuschauer die Hauptsender ein. Die absolute Mehrzahl greift sich in Spartenprogrammen ab, was sie interessiert – wenn sie nicht gleich ins Netz abwandern. Das aber hieße wiederum für das ZDF wie auch für ARD, RTL, Pro7 und Sat 1: Das Hauptprogramm stirbt ab.

Um den freien Fall zu verhindern, lässt Schächter derzeit seine drei Digitalkanäle ausbauen, seine Spartenprogramme für Information, Kultur und Unterhaltung. Aus dem bisherigen Doku-Kanal soll ein Familienkanal werden, der den privaten Sendern Publikum abjagen soll. Im Info-Kanal experimentiert unter anderem das ehemalige MTV-Gesicht Markus Kavka daran, junge Zuschauer beim Zapping abzupassen.

Wenn das ZDF laut Schächter im Sommer seine neuen Nachrichtenstudios in Betrieb nehmen will, solle im Info-Kanal auch endlich mehr in Sachen Aktualität passieren. Zudem, so ist auf dem Lerchenberg zu hören, arbeiten die Mainzer Programmmacher an einem Ausbau ihres heute.de-Angebots. Von einer ganzen „Informationsplattform“ ist unter der Hand die Rede.

Zu den neuen Formaten, die das ZDF gerade im Digitalen testet, gehören auch abseitige Berichte aus den Auslandsstudios und Spezialsendungen für Tierliebhaber. Und weil Schächter an eine „Multimedia-Ära“ glaubt, „in der Netz und Schirm sich ergänzen, sich brauchen und verschmelzen“, spielt er seine Neuerungen auch im Internet aus – in der Hoffnung, sie mögen dort neues, vor allem frischeres Publikum finden.

Dass das Fernsehen im Internet angekommen ist, kann heute natürlich nicht bestritten werden. In Mainz betonte etwa Horst Stipp vom US-Medienkonzerns NBC Universal, dass auch jüngsten Erhebungen zufolge die Nutzung des Fernsehens in den Vereinigten Staaten nicht ab-, sondern bis in die junge Zielgruppe zwischen 14 und 29 Jahren hinein sogar zunahm.

„Das neue Stichwort heißt aber Multitasking“, sagte Stipp. „Die Leute nutzen immer mehr Medien parallel, vor allem tagsüber.“ Und sie würden bis zum Vorabend mehr Fernsehinhalte im Netz abrufen als im TV. Bestes Beispiel sei die US-Präsidentschaftswahl, bei der die Siegesrede Barack Obamas am Abend noch 120 Millionen Zuschauer am Fernseher verfolgt hätten und nur 20 Millionen im Netz, Obamas Vereidigung am Tage aber schon jeweils 40 Millionen am Fernseh- als auch am Computerschirm.

Der Siegeszug des Internet und Veränderungen im Informationsverhalten der Bevölkerung bedrohen nach Einschätzung von Allensbach-Chefin Renate Köcher weniger die Zukunft des Fernsehens als die der Tageszeitung. Nach Erhebungen des Instituts für Demoskopie haben sich 1980 noch 72,3 Prozent aller 14- bis 29-Jährigen täglich über die Tageszeitung informiert. 2008 seien es nur noch 41,1 Prozent gewesen. Köcher verwies auf die Entwicklung in den USA, wo es wahrscheinlich schon bald ganze Großstädte ohne Tageszeitung geben werde: „Ich bin nicht sicher, dass das alte Gesetz noch gilt, dass neue Medien alte nicht verdrängen.“ Das Fernsehen dagegen sei auf absehbare Zeit nicht bedroht, wie der in den vergangenen Jahren weiter gestiegene TV-Konsum nahelege.

Das Internet werde dabei genutzt wie ein „Informationsvorratsschrank“, der rund um die Uhr zur Verfügung stehe, sagte die Allensbach-Chefin. Daraus resultiere ein sinkendes Bedürfnis, sich regelmäßig „auf dem Laufenden“ zu halten, und entsprechend eine sporadischere Nutzung aller anderen Medien: „Bei den Jüngeren haben sich viele davon verabschiedet, sich täglich zu informieren.“

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