TV-Wahlkampf : Frau Merkel, ich hab’ da mal ’ne Frage

RTL lädt die Bundeskanzlerin zum ersten "Town Hall Meeting“ "im Superwahljahr 2009 ein. Regeln und Vorbilder, Chancen und Risiken.

Markus Ehrenberg/Joachim Huber/Sonja Pohlmann /Kurt Sagatz
Merkel
Angela Merkel als Erklärkanzlerin im März 2009 zu Gast bei Anne Will. -Foto: ARD

Mit „Zuschauer fragen – Bundeskanzlerin Merkel antwortet“ startet RTL am Sonntag um 21 Uhr 45 in das Superwahljahr 2009. Obama ist das Vorbild: In dem Bürgertalk, dem in den USA populären, sogenannten Town-Hall-Meeting-Format, stellt sich auch Merkel vier Monate vor der Bundestagswahl erstmals direkt den Fragen eines Studiopublikums, moderiert von Maria Gresz („Spiegel TV“) und RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel. Rund 100 Bürger haben in der 75-minütigen Sendung aus dem RTL-Hauptstadtstudio die Gelegenheit, mit der Kanzlerin „über all die politischen Fragen zu diskutieren, die ihnen besonders unter den Nägeln brennen“, wie der Privatsender ankündigt.

DIE REGELN

Natürlich kann bei so einer Live-on-Tape-Sendung (die Runde wird um 16 Uhr aufgezeichnet) mit der Kanzlerin nicht jeder ins Studio. Man stelle sich vor, ein Autonomer hat Zutritt und wirft ein Ei. Die RTL-Zuschauerredaktion teilte Interessierten mit, dass man sich erst mal erklären solle („Wir möchten wissen, warum Sie die Bundeskanzlerin treffen wollen? Sagen Sie uns kurz, wer Sie sind, schildern Sie uns ihre persönliche Situation und formulieren Sie Ihre Frage.“). Es wurden Menschen eingeladen, die Fragen an die Politik und an die Bundeskanzlerin haben, sagt Kloeppel, „etwa zur Finanzkrise, natürlich auch zum Arbeitsmarkt“. Aber keine „Kraut-und-Rüben-Fragerunde“, bei der es in der ersten Frage um die Wirtschaftskrise und in der zweiten um die Präferenz des Urlaubsortes ginge. Zu zehn Themenblöcken haben schon mal 15 Zuschauer Fragen vorbereitet. Trotzdem setzt Kloeppel auf ein gewisses Maß an Spontaneität. „Wir würden uns wünschen, dass Angela Merkel die Gelegenheit nutzt, mit den Wählern in direkten Kontakt zu treten. Die Bundeskanzlerin ist eine Profi-Politikerin und wird damit umzugehen wissen. Ich denke nicht, dass sie sich streiten will mit ihren potenziellen Wählern, aber einer Meinung muss man ja auch nicht immer sein.“ Inhaltliche Vorgaben, Wunschfragen seitens des Kanzleramtes habe es nicht gegeben. Die Kanzlerin wird sitzen, wie bei „Anne Will“ neulich. „Wenn sie einmal aufstehen möchte, um mit den Menschen in einen intensiveren Dialog einzutreten – sehr gerne.“ Aber sie werde nicht die ganze Zeit, wie das Barack Obama kürzlich in Straßburg getan hat, mit einem Mikrofon in der Hand durch den Saal gehen.

VORBILD US-WAHLKAMPF

Das klassische amerikanische Town Hall Meeting kennt keinerlei Regeln. Jedes Mitglied einer Gemeinde darf Fragen stellen, seine Meinung äußern oder einfach nur den Antworten der Repräsentanten lauschen. Diese Zusammentreffen haben in den USA eine sehr lange Tradition. Die Teffen dienen nicht nur dem Meinungsaustausch, damit sollen Politiker auch zu aktuellen Fragen beeinflusst werden. Diesen Austausch wünscht sich auch RTL-Chefredakteur Kloeppel, der im Idealfall auf einen echten Dialog zwischen Angela Merkel und den eingeladenen Bürgern hofft. Der Erste, der das in einem US-Präsidentschaftswahlkampf ausprobiert hatte, war Jimmy Carter während seiner Kampagne von 1976, in der er sich gegen Gerald Ford durchsetzte. Im Wahlkampf 2008 stellten sich Obama und McCain nur beim zweiten Kandidatenduell einem Town Hall Meeting. Nach seiner Wahl hat Obama diese Form des Bürgerdialogs erweitert. Erstmals stellte sich mit ihm ein US-Staatschef direkt den Online-Fragen von Bürgern. Über 93 000 Menschen schickten dabei über 104 000 Fragen, darunter auch eine, die ein Journalist ihm vermutlich nicht gestellt hätte. Obama blieb gelassen: „Ich weiß nicht, was die Frage über das Online-Publikum aussagt, aber ich glaube nicht, dass die Legalisierung von Marihuana eine gute Strategie zur Ankurbelung der Wirtschaft ist“, sagte er im März. Erste Erfahrungen mit Town Hall Meetings hat RTL 2002 gesammelt, als dieses Format mit Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und seinem Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) ausprobiert wurde. „Das war auch deswegen interessant, weil Fragen anders gestellt wurden, als man es sonst aus dem journalistischen Geschäft kannte. Es war auch eine Möglichkeit, die Politiker mal von einer etwas anderen Seite kennenzulernen“, erinnert sich Kloeppel.

DIE FERNSEH-KANZLERIN

Für Angela Merkel bietet das Town Hall Meeting nun zwei große Chancen: Erstens kann sie durch das direkte Gespräch mit den Bürgern Nähe suggerieren und zeigen, dass sie sich auch jenseits des „Raumschiffs Kanzleramt“ mit den Problemen der Menschen auseinandersetzt. Zweitens muss sie sich nicht wie beim TV-Duell auf ihren Gegenkandidaten konzentrieren, sondern kann ihre Politik erläutern. „Politikern ist das Townhall-Format lieber: Die Fragen sind nicht so scharf, es gibt keine bissigen Nachfragen, es simuliert Bürgernähe“, sagt Medienexperte Michael Spreng.

Nach Ansicht von Gerd Langguth, Politikwissenschaftler und Merkel-Biograf, ist das Town Hall Meeting das ideale Format für die Regierungschefin. „Letztendlich handelt es sich um ein Einzelgespräch. Das ist Merkels große Stärke, hier ist sie authentisch. Sie ist eine Erklärkanzlerin.“ Merkel werde versuchen, ihr Detailwissen in der Politik zu vermitteln und gleichzeitig eine humorvolle und schlagfertige Seite zu präsentieren. Zwar werde sie die Konflikte in der Großen Koalition analysieren, aber keine Frontalangriffe auf Steinmeier loslassen – sondern sich vielmehr so überparteilich wie möglich darstellen. Ziel sei es zu vermitteln, „dass die Deutschen in einer Zeit der Krise nicht die Pferde wechseln sollten, getreu dem Motto: Krisenzeiten sind Kanzlerzeiten“. Weil RTL jüngere Zuschauer als die Öffentlich-Rechtlichen habe, könne Merkel durch die Sendung für die Union schwerer erreichbare Wählerschichten ansprechen. Merkels Schwäche könnte jedoch darin liegen, dass sie aus Liebe zum Detail die große politische Linie zu benennen vergisst. „Ansonsten birgt die Sendung für sie kein Risiko. Sie wird von diesem Auftritt profitieren“, sagt Langguth. Ein TV-Duell Merkel/Steinmeier ist nach Sprengs Ansicht ohnehin nicht so spannend wie Stoiber/Schröder oder Merkel/Schröder, da sich die beiden aktuellen Kandidaten in ihrer pragmatischen Sprödigkeit zu ähnlich seien.

TV-FAHRPLAN ZUR WAHL

Noch ist unklar, was in Sachen TV-Duell auf dieses erste Town-Hall-Format mit Merkel folgen wird. „Wir wissen, dass zwischen der SPD und der CDU erste sondierende Gespräche stattfinden, ob und wie viele Fernsehduelle es geben wird. Wenn es zwei sein werden, könnte von uns aus gerne auch eines dabei sein, das entweder eine reine Town-Hall-Form oder zumindest Town-Hall-Elemente hat“, sagt Peter Kloeppel. Das ZDF setzt auf eine „Berliner Runde“ mit den fünf Spitzenkandidaten kurz vor dem Wahltermin am 27. September, moderiert von Bettina Schausten und Nikolaus Brender. Dem ZDF-Chefredakteur lässt das Townhall-Format zu viel Raum zur Selbstdarstellung der Politiker. „Bei den US-Modellen gab es gecastete Fragen.“ ARD-Chefredakteur Thomas Baumann hingegen hält „sehr viel“ von dem Format. „Wir brauchen beides: diese direkte Konfrontation und Gesprächssendungen, in denen Journalisten als Anwälte der Bürger auftreten.“ ZDF und ARD hätten ihre Bereitschaft bekundet, ein TV-Duell der Kanzlerkandidaten zu übertragen, bislang noch ohne Antworten von Merkel oder Steinmeier. Außerdem werden Ex-ARD-Talkerin Sabine Christiansen und Ex-„Spiegel“-Chef Stefan Aust für Sat 1 fünf Ausgaben der „Wahlarena“ jeweils einmal wöchentlich vor der Wahl moderieren. Es wird auch ein Herbst der neuen und alten Polit-Moderatoren.

PROGNOSE

Positiv gesprochen, bekommt die Medien-Demokratie mit dem Town Hall Meeting ein weiteres Element des Wahlkampfes geliefert mit hoffentlich erfreulichen Konsequenzen für die Orientierung der Wahlbürger. Negativ gesehen, erobern die Spitzenkandidaten eine neue Bühne der Selbstdarstellung, sichern sich die Sender respektable Quoten. Immerhin ist das Distanzmanagement, wie es sonst bei den „TV-Duellen“ der Kanzlerkandidaten praktiziert wird, beim Town Hall Meeeting ein anderes. Bei der extrem ritualisierten Form des „Duells“ tragen Journalisten und Politiker aus, was die Unterhändler von Politik und Journalismus undercover ausgehandelt hatten. Das Wahlvolk wird auf ein passives Fernsehpublikum eingeschmolzen. Das Town Hall Meeting erweitert das Duett aus Journalist und Politiker zum Terzett: Bürger können ihre Fragen – unter Moderation von Journalisten – direkt an die Bundeskanzlerin richten. Die Bürger allerdings sind ausgewählt, ihre Fragen ebenso, RTL übernimmt das inszenatorische Reglement. Die Kriterien dafür sind nicht klar, was die Transparenz deutlich eintrübt.

Der journalistisch-politische Komplex denkt nicht zum letzten Mal an sich zuerst. Aber selbst die Politik wird unter dem Diktat der nicht selbstlos agierenden Sender leiden müssen. Es ist keineswegs ausgemachte Sache, dass die Spitzenkandidaten aller Parteien zu einem Meeting gebeten werden. Mit diesem Instrument geraten deutsche Politik und Sender, das freilich gewollt, in die Amerikanisierungsfalle. Eine Demokratie wie die USA wählt einen Präsidenten, die Demokratie à la Deutschland wählt Parteien. Schon der von RTL gewählte Titel –„Town Hall Meeting“ – zeigt die Umkehrung der Verhältnisse an. Markus Ehrenberg/Joachim  Huber/Sonja  Pohlmann /Kurt Sagatz

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