Medien : Und sie schrieben kein einziges Wort

Warum sind die Medien auf Skandale fixiert – und vergessen darüber vieles andere?

Kerstin Decker

Was für ein Thema! „Verschwiegen, verschwunden, verdrängt – was (nicht) öffentlich wird". Also eine Gegengeschichte zur gedruckten, gesendeten Mediengeschichte, eine Art Medienarchäologie, ein Bergwerk des Stummgemachten, des Bilderlosen. Die Wahrheit über die Medien anhand ihres verfemten Teils? Am Pult des „7. Mainzer Mediendisputs“ steht der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck und sieht kein bisschen verfemt aus. Er erklärt, dass der Leser oder der Zuschauer von heute schon den Eindruck haben könne, es gäbe überhaupt nichts Gutes mehr auf der Welt. Manchmal glaube er, wir leben in der schlechtesten aller möglichen Welten.

Sollte das Gute das Verschwiegene, Verschwundene, Verdrängte der Medien sein? Eine erste leise Enttäuschung stellt sich ein, als Herbert Riehl-Heyse von der „Süddeutschen Zeitung“ zu einer Medienwanderung aufbricht, und schon nach den ersten Schritten ahnen wir, dass auch Riehl- Heyse „das Gute“ sucht, aber auf Feuilletonistenart eher indirekt. Dass die CDU/CSU mit ihrem Engagement für die privaten Sender das deutsche Domina-Telefonnummern- Fernsehen gefördert hat, würde er am liebsten dem Hausheiligen dieser Parteien kolportieren, immerhin ist Kolportage die journalistische Urtätigkeit. Andererseits ist Riehl- Heyse kein Purist, und so kommen ihm schon Fußballfernsehquoten-Bedenken, wenn zum Beispiel Bielefeld jetzt Deutscher Meister werden würde. Sollte also Bielefeld das Verdrängte, Verfemte, Verschwiegene …? Nein, es ist schwieriger. Wenn man heute, erklärt Riehl-Heyse, einem TV-Verantwortlichen das beklagenswerte Niveau seiner Krankenhaus-Serien vorhält, antwortet der: Aber das soll mir doch nicht gefallen! Die „Süddeutsche“ blickt triumphal ins Publikum: „Früher nannte man so was entfremdete Arbeit!“ Einige entfremdet Arbeitende lachen nervös auf. Was in ihrem Lachen klirrt, könnte das Verdrängte, Verschwiegene sein.

Gibt es noch Werte neben dem Dax?, fragt derart ermutigt eine Expertenrunde. Manfred Kock von der EKD deutet an, dass es sich beim Dax um eine Art Ersatzgott, also eine Art Götzen, handeln könne. Michael Sommer vom Deutschen Gewerkschaftsbund wehrt sich, „ausnahmsweise Norbert Blüm zitierend“, gegen die totale Verwirtschaftung der Gesellschaft, als ihm der Kirchen- mann zu Hilfe eilt: Unser Wachstum müsste ja so hoch sein, dass unser Konsum die ganze Dritte Welt kaputt macht! Also bleibt nur eins: Teilen lernen. Sofort ist klar, dass es sich beim „Teilen lernen“ um eine der verschwiegensten, verschwundensten, verdrängtesten Botschaften handelt.

Oder sind die Nachrichtenagenturen an allem schuld? Was eine Nachricht ist, entscheiden die Nachrichtenagenturen, indem sie Massen davon versenden. Und ihr Gewicht wächst. Also könnten sie auch schuld an dem sein, was keine Nachricht wird? dpa-Chef Wilm Herlyn sieht aus wie ein melancholischer Superintendent, und seine Sätze beginnen entweder: „Ich bin erschrocken, wie Sie uns wahrnehmen …“ oder mit „Da ist ja wirklich alles falsch!“ Aktuelle Krise der dpa? Keine Spur. Es liegt nicht an der dpa, sondern an uns allen, beginnt ein Professor und findet die Titel der Fernseh-Nachrichten bezeichnend: „Tagesthemen", „Heute". Der Professor blickt vorwurfsvoll ins Publikum, als wolle er fragen: Und was ist mit Gestern, mit Morgen? Unsere räumlichen und zeitlichen Vorstellungen seien die einer Ackerbaugesellschaft. Und immerzu Nachrichten aus Deutschland, dabei sei das Land, global gesehen, nicht wichtig.

Die Leiterin der ZDF-Nachrichtenredaktion Bettina Warken wagt einen Hinweis auf die große ZDF-Reihe über das Wasser. Um das Wasser werden alle künftigen Kämpfe der Menschheit geführt werden, da seien das Gestern, das Morgen und die Welt quasi mit drin. Aber besitzt das Unabänderliche einen Nachrichtenwert? Wir sind vor allem Kleinweltlebewesen, immer werden wir Nachrichten von zu Hause wichtiger finden als die vom anderen Weltende. Ist das die eigentliche Globalisierungsfalle? Aber ein journalistisches Genre gibt es, das unser Kleinwelt-Format ernst nimmt. Das ist die Skandalberichterstattung. Es gibt heute viel mehr Skandale als früher. Zwei waren es pro Jahr in den frühen Fünfzigern, heute sollen es 40 sein. Paul Sahner von der „Bunten“ sitzt mit dem Blick nach innen auf dem Podium, er wollte gar keinen Skandal machen, er wollte nur Scharping, die Gräfin, den Sommer, den Pool. Rudolf war doch sein Freund.

Allerdings wurde Scharping ja auch nicht gestürzt, als er sich für die „Bunte“ auszog, sondern er ging erst baden, als er sich wieder anzog. Dafür war neben dem „Stern“ der Investigativ-Journalist Hans Leyendecker zuständig. Ich tauge nicht für meinen Beruf, gesteht Leyendecker, denn ich hatte alles, aber nicht Scharpings Kleiderrechnung in meinem Artikel. Und außerdem sollte er nur auf die Medienseite. Der „Stern“ zeigte trotzdem Nerven. Wozu zahlt er viel Geld für eine Geschichte , die die „SZ“ einfach mal so druckt? Also ging der „Stern“ in die Offensive. Titel!

So entstand ein deutscher Skandal, und vorn sitzen jetzt die Männer, die Scharping gestürzt haben und es eigentlich gar nicht wollten. Ein Medienprofessor fasst sich als Erster. Deutschland sei eben eine Neidgesellschaft. Undenkbar wegen zehn Paar Socken à 35 Mark in England oder den USA zurücktreten zu müssen. Dort geht man wegen Sex. Sind halt auch Neidgesellschaften.

Das Verdrängte, Verschwiegene der Medien scheint ganz weit weg. Höhepunkt des 7. Mainzer Mediendisputs ist der Skandal der Skandalberichterstattung. Da deutet Bodo Hombach, einst selbst „skandaliert“ und heute Geschäftsführer der WAZ, an, was das Verschwiegene, Verschwundene, Verdrängte der Medien sein könnte – sie selber. Die Medien kommen in den Medien ja nicht vor. Medienberichterstattung sei Medienunternehmensberichterstattung. Aber wer kritisiert die Kritiker, die vierte Gewalt im Staat? Wer meldet, wenn ein Skandal am Ende doch keiner war?

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