Medien : Unfassbare Deutsche

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DAS SPIEL IST AUS!

Beim Halbfinale sind die Spitzenkräfte im Einsatz: auf ARD Heribert Faßbender, auf Premiere Marcel Reif. Premiere kriegen aber nur die wenigsten mit, es ist ein Programm für die elitäre Minderheit. Hier im Hause ist es selbstverständlich die Sportredaktion, die Premiere eingestellt hat; in diesem Ressort geht es einzig und allein um Kompetenz. Da sitzen sie in ihren Trikots von Schalke 04, obwohl Schalke längst ausgeschieden ist, oder von den Boca Juniors – aber sie sitzen konzentriert vor ihren Computern, beobachten die Nachrichtenlage und bauen in knapper Zeit ihre Sportseiten, während im Fernseher gerade die Live-Übertragung läuft. Eine Mischung aus zielgerichteter Arbeit und aktueller Ballhöhe – als Ballack das Tor schießt, drehen sich die Blattmacher abrupt von ihren Computern weg, checken kurz den Fernseher und überdenken noch einmal die Seite.

Ein bisschen anders ist es in dem Raum, in dem für ein paar Redakteure ein gesonderter Bildschirm bereitsteht. Dafür muss man sich mit Faßbender begnügen, und der Fernseher ist auch viel kleiner als derjenige im Sportressort. Der Torschrei in der 75. Minute ist da umso furioser: wie in einer Erlösung von Faßbender, oder in geheimer Abhängigkeit von ihm, springen alle auf. Was haben sie sich nicht alles anhören müssen! Während drüben Marcel Reif schon nach wenigen Minuten die Taktik der Deutschen erkennt und ziemlich genau analysiert, wie die Koreaner ins Leere laufen, agiert Faßbender seinerseits im Leeren. Aber er bereitet genau damit den staatsmännischen Auftritt Günter Netzers vor. Auf die kecke Eröffnungsfrage Dellings ruckelt Netzer sich in seinem Jackett zurecht, macht eine Kunstpause und kündigt eine Gedenkminute an: „Wir wollen der Mannschaft zunächst einmal gratulieren!“

Reif hat zwar Recht – seine Schilderung der Leistung gegen die USA riskierte fast die Aberkennung der Staatsbürgerschaft – aber Faßbender spielt immer so, wie die Deutschen da spielten. Und damit kommt man unfassbar weit. Helmut Böttiger

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