Van-Gogh-Doku auf Arte : Die Sache mit dem Ohr

Eine Arte-Dokumentation beleuchtet das Rätsel Vincent van Gogh. Die Lösung einer zentralen Frage findet sich an der Universität von Kalifornien.

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Vincent van Gogh: „Selbstporträt mit verbundenem Ohr und Pfeife“ (1889)
Vincent van Gogh: „Selbstporträt mit verbundenem Ohr und Pfeife“ (1889)Foto: Arte/Bridgeman Art Library

Vielleicht hat Bernadette Murphy mit ihrer Entdeckung eines der größten Rätsel der Kunstgeschichte gelöst. Experten stritten darüber, Biografen schrieben mal die eine, mal die andere Deutungsvariante, aber bis Bernadette Murphy sich auf Spurensuche begab, wusste niemand wirklich, was in der Nacht des 23. Dezember 1888 im südfranzösischen Arles geschah – im Leben des Vincent van Gogh.

In dem Dokumentarfilm „Wahn, Wut oder Wollust?“, der den prosaischen Untertitel „Das Ohr von Vincent van Gogh“ trägt, zeichnet Filmautor Jack MacInnes die siebenjährige Recherche-Odyssee der britischen Autorin Bernadette Murphy nach; sie setzte es sich in den Kopf, hinter das Geheimnis dieses ominösen Dezembertages zu kommen. Warum hat sich der niederländische, nach Arles gereiste Maler das Ohr abgeschnitten? Hat er es sich überhaupt ganz abgeschnitten? Und: Warum gab er das Ohr, wenn es denn das ganze war, ausgerechnet einer Prostituierten in Arles, die sich „Rachel“ nannte? An jenem 23. Dezember 1888 kommt es in van Goghs sogenanntem gelbem Haus in Arles zu einer Auseinandersetzung mit dem Maler Paul Gauguin. Zuvor schon ging van Gogh durch schwere Zeiten, er, der er in diesem Jahr etwa 200 Werke schafft, der ins Bordell geht, der immer wieder Konflikte mit seinem Bruder Theo van Gogh hat. Das Geld, das Fremdsein, die Gesellschaft. Nach dem Streit mit Gauguin schneidet sich van Gogh mit einer Rasierklinge das Ohr ab, das er dann zu „Rachel“ bringt.

Des Rätsels Lösung

Es soll Jahre dauern, bis Bernadette Murphy dem Rätsel um das halbe/ganze Ohr auf die Spur kommt, erst in Paris am Haus des berühmten Docteur Pasteur, dann schließlich an der University of California in Berkeley: Hier liegt der Nachlass des Van-Gogh-Biografen Irving Stone, dessen 1934 erschienene Romanbiografie „Lust for Life“ die Grundlage für Vincente Minnellis gleichnamigen Kirk-Douglas-Film (1956) war. Stone hatte gut recherchiert. Wie nun auch Bernadette Murphy. Im Archiv der University of California gerät die Britin in Kiste 91 an jenes Dokument – es ist eine einzige Seite –, das des Rätsels Lösung enthält: Es ist ein Brief des französischen Arztes Félix Rey, in dem er konstatiert, van Gogh habe sich das ganze Ohr abgeschnitten und dies entsprechend in einer Skizze festhält. Und auch die Identität der „Rachel“ kann Murphy, nach 128 Jahren, klären. Nachfahren von van Goghs Geliebter wohnen noch heute in Arles. Das Van-Gogh-Museum in Amsterdam hört sich Murphys Geschichte an, ihr großes Abenteuer, ihre passionierte Suche – und kuratiert auf dieser Basis im Herbst 2016 die Ausstellung „On the Verge of Insanity“. Ihre Entdeckungsreise – die Jack MacInnes hier filmisch dokumentiert – hat Bernadette Murphy inzwischen aufgeschrieben. Das Buch ist ebenfalls 2016 erschienen und wird die Van-Gogh-Rezeption vermutlich nachhaltig verändern. Es trägt den Titel: „Van Gogh’s Ear“. Thilo Wydra

„Wahn, Wut oder Wollust?“, Arte, Samstag, 20 Uhr 15

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