Medien : Verdrängtes und Vergessenes

Die Dokumentation von Lutz Hachmeister recherchiert das Leben und Sterben von Hanns Martin Schleyer als „Eine deutsche Geschichte“

Caroline Fetscher

Am 13. Juni 1978 sitzen Daniel Cohn-Bendit und Rudi Dutschke gemeinsam auf dem Sofa eines Fernsehsenders. Thema Terrorismus. „So sehr ich gegen den Mord an Hanns Martin Schleyer bin", zürnt Cohn-Bendit, schnell und aufgeregt sprechend, „so ekelhaft finde ich, dass seine ganze Vergangenheit einfach nicht dargestellt wird!“ Mit Heydrich sei der NS-Mann damals im Wagen durch Prag gefahren. Mit Massenmördern, und als einer von denen. Dutschke legt dem echauffierten Freund den Arm an die Schulter, als wollte er sagen: Bleib ruhig. Soweit der Ausschnitt aus der ORF-Sendung von damals, knapp ein Jahr nach der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten durch ein „Kommando" der RAF.

Lutz Hachmeisters sorgfältiger und nachdenklicher Dokumentar-Film „Schleyer. Eine deutsche Geschichte" geht systematisch der Frage von damals nach, und zwar aus der Sicht von heute: Wer war der Mann, den beide Seiten im Kampf opferten – ein sektiererisches, selbst ernanntes Rächer- und Killerkommando ebenso wie ein Staat, der sich „nicht erpressen lassen" wollte?

Die deutsche Geschichte beginnt bei Hachmeister, wo fast alle Geschichten beginnen, beim Elternhaus. Einer der drei Söhne Schleyers blickt auf das Spitzdach, die Markise und die Panoramafenster des Hauses, in dem die Familie lebte: „Hier habe ich meinen Vater am 5. September 1977 zum letzten Mal gesehen", sagt der Sohn. Hier herrschte erstaunliche Harmonie, erzählt der „Stern“-Reporter Kai Hermann später, der eine „Home-Story" über die Schleyers geschrieben hatte. Hausmusik, Israel-Bildbände im Regal, Fröhlichkeit, Familienfrühstücke.

Drei Schleyers, mindestens, hat Hachmeister gefunden: den Familienvater, den Mann mit NS-Vergangenheit, den harten, aber fairen Vertreter der Klasse der Industriellen in der Nachkriegsdemokratie. Hinter dem zur Ikone geronnenenen Bild des Entführten, der unter einem RAF-Logo posiert und die Regierung um Hilfe bittet, fügt sich ein Lebenspuzzle zusammen. Man sieht ein Gesicht, das sich im Lauf der Zeit verändert, einen Macht- und Gemütsmenschen „mit Vergangenheit". Kurt Biedenkopf erklärt: „Bei Menschen, die durch Irrungen ihren Weg gefunden hatten, war ich sehr zurückhaltend, mich mit Fragen aufzudrängen." Aber Hachmeister will wissen, wer dieser „Boss der Bosse" war, die Hassfigur der Linken, Kämpfer im Tarifstreit, einer, der nicht zurückscheute vor Geschäftsverbindungen mit lateinamerikanischen Diktaturen, der gleich doppelt, für die Industrie und die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDI und BDA) als Top-Funktionär den Kopf hinhielt.

Schon der junge Hanns Martin Schleyer hat im Blick die Skepsis des Alten, die Schatten auf den Tränensäcken, und früh die Schmisse vom Mensurduell in der schlagenden Verbindung Suevia-Corps an der Universität Heidelberg. Aber: Obwohl er überzeugter NS-Anhänger war, trat Schleyer im Sommersemester 1935 aus der Suevia aus, weil zwei jüdische Mitglieder das Corps verlassen sollten. Er heiratete mitten im Krieg, 1940, landete kurz bei den Gebirgsjägern, verletzte sich bei einem Sturz und gelangte an Schreibtischjobs. In Prag leitet der Jurist Anfang der vierziger Jahre das Studentenwerk, dann den „Centralverband der Industrie" im so genannten „Protektorat Böhmen und Mähren", wo tschechische Zwangsarbeiter im Panzerbau und Lafettenbau beschäftigt waren. Nein, mit Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, der auch die Leitung des „Protektorates" übernommen hatte, sagt die Witwe Waltrude, seien sie nie in einem Wagen gesessen. 1944 bezog das Paar eine „arisierte" Villa. Wie das kam? Waltrude Schleyer weiß es nicht mehr: „Wir haben halt dann plötzlich drin gewohnt.“ Ein Satz mit Leerstellen. Es gab viele verlassene Villen in Prag, und jene der Schleyers, das hat Hachmeister akribisch recherchiert, war die Villa einer deportierten Jüdin, Marie Waignerová, die in Auschwitz ermordet wurde. Vom Krieg habe man „nicht viel gespürt“ in Prag, erzählt ein alter Kamerad und Weggefährte. Eben das, das Verdrängte und Vergessene, soll der Film sichtbar machen.

In Interviews, mit Edzard Reuter, Franz Steinkühler, Günter Wallraff, Ex-Kollegen Schleyers und auch mit ehemaligen Angehörigen der RAF findet sich ein facettenreiches Bild, wozu auch das französische Außenministerium beitrug, das die Akten des Kriegsgefangenen Schleyer freigab, der wegen seiner SS-Mitgliedschaft drei Jahre lang interniert war. Danach ging die Karriere nahtlos weiter – Daimler Benz, Vorstandsetage, Industriefunktionär. Kollegen, und sogar Gegner bei Tarifauseinandersetzungen und Aussperrungen, schätzten, sagen sie, Schleyers Fairness, seine Nähe zur Belegschaft, seine Geselligkeit und Trinkfestigkeit. Ein halb ironischer Wirtschaftswunder-Schlager wird eingespielt: „Brillanten an der Hand, Picasso an der Wand, Mein Kampf ham wir leider verbrannt": So erschien vielen das spezifische, kapitalistische Milieu der Nachkriegsjahre, das die RAF in einzelnen Individuen zu bekämpfen glaubte.

Stefan Wisniewski, Ex-Mitglied der RAF und Sohn eines polnischen Zwangsarbeiters, erklärt heute mit politischer Reue: Wenn doch die Industrie damals bereit war, „jede Summe" für den 62-jährigen entführten Schleyer zu zahlen, hätte die RAF Entschädigung für Hunderttausende tschechische Zwangsarbeiter verlangen sollen – und dann den Mann laufen lassen, um „ ihn so zu demaskieren“. Er fügt hinzu: „Solche historische, gesellschaftliche und menschliche Sensibilität hatten wir damals leider nicht." Und Helmut Schmidt sagte im Bundestag über die RAF: „Sie irren sich. Die Massen sind gegen sie."

„Schleyer“: ARD, 23 Uhr

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