Verlage : Ein Hamster, keine Heuschrecke

Die Eigentümerin der "Berliner Zeitung“, die britische Mecom-Gruppe, ist hoch verschuldet. Jetzt prüft sie den Verkauf von Titeln und mehrere hundert Mitarbeiter des Berliner Verlages bangen um ihre Jobs.

Kevin Hoffmann,Sonja Pohlmann
Berliner Zeitung
Heuschreckenschreck: Renate Gensch, Betriebsratchefin im Berliner Verlag, bei einer Kundgebung. -Foto: ddp

Das Bild einer Heuschrecke im roten Kreis, durchgestrichen. Dieses „Verkehrsschild“ hing vor gut drei Jahren überall im Verlagshaus am Berliner Alexanderplatz – jeder Besucher sollte gleich wissen, was hier los ist. Mitarbeiter des Berliner Verlages hielten das Symbol auf Kundgebungen in die Kameras. Sie protestierten dagegen, dass erstmals ein Verlagshaus in Deutschland von einem ausländischen Investor übernommen werden sollte: von der Mecom Group des Briten David Montgomery. Von Monty, der Heuschrecke.

Heute hängt das Symbol nicht mehr sichtbar im Verlag, weil es die Situation weniger denn je treffend beschreibt. Das Insekt steht eigentlich für einen Finanzinvestor, der sich gesunde Unternehmen greift, sie abgrast, aussaugt, in Stücke reißt und die Reste möglichst profitabel wieder verkauft. Aber spätestens jetzt stellt sich raus: Mecom ist eher ein Hamster, der – um im Bild zu bleiben – viele lange Halme raffte, die meisten davon nur anknabberte und jetzt mit Magenkrämpfen auf der Intensivstation liegt.

Noch lebt die Mecom Group. Doch dem an der Londoner und Berliner Börse notierten Medienunternehmen geht es schlechter denn je. Vor gut einer Woche musste Mecom mitteilen, dass der Gewinn für 2008 zehn Prozent niedriger ausfallen dürfte als erwartet – weil die Werbeeinnahmen gesunken sind. Außerdem ist der Schuldenberg um 41 Millionen auf 587 Millionen Pfund (735 Millionen Euro) gewachsen.

Vor allem dieser Umstand führte dazu, dass zuletzt immer mehr Anleger die Aktie verkauften. Der Kurs fiel von seinem Höchststand von 97 Pence im Sommer 2007 auf unter drei Pence am vergangenen Freitag. Der Börsenwert von Mecom schmolz auf rund fünf Prozent der alten Größe zusammen. Er beträgt nur noch rund 58 Millionen Euro. Mehr als das Doppelte hatte Mecom allein für den Berliner Verlag bezahlt.

Montgomery, der ehemalige Zeitungsreporter und Geschäftsführer der „Mirror“-Gruppe, führte in den vergangenen Jahren 300 Zeitungen aus Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Polen, der Ukraine und Deutschland unter dem Mecom-Dach zusammen. Hier verlegt Mecom unter anderem die „Berliner Zeitung“, den „Berliner Kurier“, das Stadtmagazin „tip“, die „Hamburger Morgenpost“ und die „Netzeitung“.

Im Berliner Verlag, in dem die Berliner Titel zusammengefasst sind, betrachten zumindest die Mitarbeiter die Aktienkursentwicklung mit Sorge, aber nicht mit Panik. „Wir wissen, dass die wirtschaftliche Substanz der Zeitungen in Ordnung ist“, sagt Renate Gensch, die Betriebsratsvorsitzende des Verlags. Anders als zu Zeiten, in denen man noch zum Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr gehörte, schreibe man heute schwarze Zahlen. Trotzdem sieht Renate Gensch die Befürchtungen von vor drei Jahren voll bestätigt: Dass sich der Druck auf die insgesamt 930 Arbeitsplätze stetig erhöht und der Wert an der Börse verramscht wurde. „Montgomerys Strategie ist gescheitert“, lautet ihr Fazit nach über drei Jahren.

Diese Strategie basierte auf Wachstum: Zeitungen kaufen, Umsätze steigern, Renditeforderung auf branchenunübliche 18 bis 20 Prozent steigern. Das Wachstum finanzierte Montgomery mit Krediten, doch nun wachsen die Zweifel, dass er diese auch bedienen kann. Ein Strategiewechsel steht an. Angeblich will Mecom seine Beteiligungen in Polen an den Axel-Springer-Verlag verkaufen. Und auch für das Norwegen-Geschäft gibt es Interessenten. Zudem trennte sich Mecom nach Angaben der Gewerkschaft Verdi von Anteilen an einer niederländischen Internetsuchmaschine und an einem ukrainischen Verlag. „Der Ausverkauf bei Mecom scheint zu beginnen“, schrieb ein Gewerkschafter.

Schon vor Monaten hatte Montgomerys Statthalter in Deutschland, Josef Depenbrock, einen rigiden Sparkurs verordnet. Der Geschäftsführer des Berliner Verlags und Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ will angeblich 150 von 930 Stellen streichen. Jüngstes Opfer sollte die Website Netzeitung.de. sein. 15 freie Mitarbeiter sollten von diesem Wochenende an nicht weiterbeschäftigt werden. Aber wegen laufender Verträge wurde der Beschluss am Freitag in letzter Minute zurückgenommen.

Der Berliner Verlag stehe nicht auf der Verkaufsliste, wie Depenbrock auf einer Redaktionsversammlung sagte. Redakteure der „Berliner Zeitung“ sagen hinter vorgehaltener Hand, dass sie über einen Verkauf oder gar eine Insolvenz von Mecom gar nicht mal unglücklich wären. Dann wären sie ihren Chef los, den die Redaktion schon mehrfach zum Rücktritt aufgefordert hat. Vor gut einer Woche knirschte es wieder, nachdem bekannt wurde, dass sich Depenbrock Anfang 2007 eine Immobile auf Hamburg-St. Pauli gekauft hatte. Sie gehörte Burim Osmani, dem Verbindungen zum Rotlichtmilieu und dem organisierten Verbrechen nachgesagt werden. Die Redaktion schrieb Depenbrock einen offenen Brief: „Leser und Redaktion dürfen vom Chefredakteur der Berliner Zeitung zumindest erwarten, dass der Chefredakteur die Seriosität, den Ruf und die Glaubwürdigkeit des Blattes nicht mit Geschäftsbeziehungen zur Unterwelt beschädigt. Diese Erwartung haben sie enttäuscht.“

Der britische Investor Mecom Group mit seinem Chef David Montgomery (kleines Foto) erwarb 2005 den Berliner Verlag. Zu diesem gehören unter anderem die „Berliner Zeitung“, die „Netzeitung“, der „tip“ und der „Berliner Kurier“. Montgomery besitzt europaweit noch 300 Zeitungen.

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