Verlage : „Zeitungen sind sexy“

Zur Zukunft der Print-Branche: Medienforscher Michael Haller über neue Investoren bei US-Verlagen.

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Zeitungen sind auch für Investoren interessant.
Zeitungen sind auch für Investoren interessant.Foto: AFP

Herr Haller, die Fortress Investment Group hat von Rupert Murdoch 33 amerikanische Regional- und Lokalzeitungen gekauft. Es gibt also durchaus Investoren, die den Glauben an die Zukunft der Zeitungen noch nicht verloren haben.

Die Investoren – der in den USA tatkräftigste ist ja Warren Buffett – finden Zeitungen offenbar sexy, erstens, weil man mit ihnen noch immer Geld verdienen kann, zweitens, weil sie doch noch über Prestige und im Lokalen auch über öffentlichen Einfluss verfügen.Buffett traue ich zu, dass er auch Spaß an der Publizistik findet. Kaufpreis und Investitionskosten waren für ihn vermutlich eher Peanuts. Ob das auch für die Käufer der Murdoch-Blätter gilt, möchte ich bezweifeln.

Die Fortress Investment Group ist 2007 durch den Einstieg ins Geschäft mit Spielbanken und Pferderennen aufgefallen. Ist das Engagement bei den US-Zeitungen auch nur ein Glücksspiel?

Nun, sie hat mit Spielbanken und Pferderennen offenbar viel Geld gemacht. Die sah das nicht als Glücksspiel, sondern als eine ziemlich sichere Bank.

Oder wurden die Totenglocken für die US-Zeitungsbranche zu früh geläutet?

Das Problem der meisten Tageszeitungen in den USA ist deren zu große Abhängigkeit vom Anzeigenerlös. In den USA kennt man das Modell der abonnierten Tageszeitung praktisch nicht. Und weil viele Investoren und Spekulanten schon vor langem Zeitungen wegen der hohen Rendite gekauft hatten, verloren sie das Interesse, als die Anzeigen wegblieben und kaum noch Rendite herauszuholen war. Investitionen oder Rücklagen gab es nicht. Also wurden die ausgepressten Zeitungen für wenig Geld abgestoßen.

Eine Chance für andere.

Weitsichtige Investoren, die wissen, wie man heruntergewirtschaftete Unternehmen wieder flott bekommt – und zu denen gehört Buffett – haben offenbar erkannt, dass der Laden wieder rentabel funktioniert, wenn er mit unternehmerischem Sachverstand ausgemistet und restrukturiert wird.

Wie passt das Engagement von Amazon-Gründer Jeff Bezos beim Kauf der „Washington Post“ in dieses Bild?

Nur begrenzt, denn die „Washington Post“ spielt in einer anderen Liga. Hier geht es auch um publizistische Reputation und Prestige. Beides kann Bezos gebrauchen. Persönlich schmückt es ihn, Eigentümer dieser Zeitung zu sein. Zudem ist Bezos ein Internet-Unternehmer. Die alte Verlegerfamilie war ja mit dem Versuch gescheitert, ihre Titel ins Onlinezeitalter zu transferieren. Hier kann Bezos neben dem nötigen Kleingeld auch sehr viel Know-how und unternehmerische Fortune einbringen.

Was heißt das für die Zukunftschancen der US-Zeitungen?

Schwer einzuschätzen, weil deren Zukunft davon abhängt, ob die Web-Euphorie nachlässt und der Print-Werbeträger in einem hybriden Markt an Attraktivität zurückgewinnt. Jedenfalls werden in den USA – im Unterschied zu Deutschland – sich die Tageszeitungen auch in Zukunft überwiegend über Werbung refinanzieren. Und darum ist es für US-Verlage existenziell wichtig, im Onlinegeschäft höhere Erlöse als derzeit zu generieren.

Das gilt aber auch für deutsche Zeitungen.

Die Lage sieht hier deutlich besser aus, weil der Lesermarkt doch sehr konsistent ist. Entgegen vieler Unkenrufer gibt es gut gemachte Regionalzeitungen, die keine Leser verlieren. Deren Abo-Rückgang entspricht etwa der natürlichen Mortalitätsrate plus Wegzügler. Deren Problem sind die „digital natives“, also junge Erwachsene, die nicht wissen, für was man eine Tageszeitung braucht. Ich bin überzeugt, dass sie es lernen werden, etwa dann, wenn sie sich als junge Familie fest etabliert haben. Vorausgesetzt, die Zeitung ist gut gemacht.

Die Funke-Gruppe hat mit der „Berliner Morgenpost“ und dem „Hamburger Abendblatt“ ebenfalls ihren Bestand an Regionalzeitungen vergrößert. Synergien sollen nicht im Mittelpunkt stehen, die Eigenständigkeit der Zeitungen soll erhalten bleiben. Wie passt das zusammen?

Mir scheint, dass derzeit niemand diese Frage solide beantworten kann. Unklar ist ja, welche Absprachen zwischen Springer und den Funke-Geschäftsführern hinter verschlossen Türen getroffen worden sind. Warten wir mal ab, was der Springer-Vorstand mit den Einnahmen macht, ob er sie tatsächlich in kommerzielle Onlineprojekte investiert. Und schauen wir mal, ob Funke mehr will als nur einen Werbeträgerverbund für seine Regionalblätter.

Das Interview führte Kurt Sagatz.

Michael Haller ist

wissenschaftlicher

Direktor des

Instituts für Praktische Journalismus-

und Kommunikationsforschung (IPJ).

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