Volles Programm : "Rote Rosen" statt Breaking News aus Kairo

In Sondersendungen berichten ARD und ZDF vom Aufstand aus Ägypten. Vielen Zuschauern ist das zu wenig. Warum die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ihre laufenden Sendungen nicht unterbrechen.

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Prominente Stelle. Theo Koll mit dem ZDF Spezial zum Protest in Ägypten. Foto: ZDF
Prominente Stelle. Theo Koll mit dem ZDF Spezial zum Protest in Ägypten. Foto: ZDF

Donnerstagnachmittag in Kairo, wieder gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des Präsidenten Mubarak. Bei CNN, n-tv oder Phoenix sieht man erschreckende Bilder – Anfang oder schon wieder Ende eines möglichen Epochenwandels. Die Zuschauer bei ARD und ZDF bekamen davon zunächst einmal nichts mit. Dort liefen die Soaps „Rote Rosen“ oder „Lena“. Erst mit den Ausgaben von „Tagesschau“ und „heute“ zur vollen Stunde brachte das öffentlich-rechtliche Fernsehen den Stand der Dinge.

Nun ist es sicher nachvollziehbar, dass ARD und ZDF keine 24-Stunden-Live-Strecke über Ägypten anbieten können. Und der – ebenso gebührenfinanzierte – Ereigniskanal Phoenix berichtetete allein in dieser Woche täglich über zehn Stunden über die dortige Staatskrise. Trotzdem fragen sich viele Zuschauer: Was müsste passieren, damit ARD und ZDF ihr laufendes Programm stoppen? „Wir unterbrechen unser Programm bei radikalen, schwerwiegenden Änderungen der Nachrichtenlage. So etwa, als Bundespräsident Horst Köhler zurücktrat“, sagt ARD-Chefredakteur Thomas Baumann. „Wir haben in dieser Woche unser Publikum am Nachmittag zwischen zwölf und 17 Uhr mit Ausgaben der ,Tagesschau’ und des ,Mittagsmagazins’ stündlich informiert.“ Überdies hätten sich Meldungen, denen zufolge am Mittwochnachmittag Menschen in Kairo zu Tode gekommen sind, erst am Abend bestätigt. „Das Erste Deutsche Fernsehen ist ein Vollprogramm und kein Nachrichtenkanal“, so Baumann weiter. Wer in kürzeren zeitlichen Abständen aktuelle Nachrichten sucht, der werde vom Informationskanal Eins Extra und von der „Tagesschau“-Apps bestens bedient.

Etwas anders gewichtet das der ARD-aktuell-Chefredakteur. Über die politische Lage in Ägypten haben viele Medien nach Einschätzung von Kai Gniffke in den vergangenen Jahren nur unzureichend berichtet. Auch er habe in den Nachrichtensendungen der ARD „die Tatsache, dass in Ägypten Ausnahmerecht herrscht, nicht hinreichend gewürdigt“, sagte Gniffke am Donnerstag in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Den Vorwurf, die ARD habe gerade am Mittwoch, als sich die Lage in Ägypten zuspitzte, nicht ausreichend berichtet, wehrte auch Gniffke ab. „Wir hatten allein am Vormittag in zehn ,Tagesschau’-Ausgaben berichtet, danach Beiträge plus Live-Schaltungen plus Hintergrundstücke in der Tagesschau um zwölf, 13, 14, 15, 16, 17, 20 Uhr, ,Tagesthemen’ und ,Nachtmagazin’.“ In keinem anderen Vollprogramm habe Gniffke derart viele Nachrichten aus Ägypten gesehen.

Offenbar gehen hier die Einschätzung der Senderverantwortlichen und die Wahrnehmung vieler Zuschauer auseinander. Theo Koll, ZDF-Hauptredaktionsleiter Politik und Zeitgeschehen, verweist darauf, dass das Zweite seit Tagen in Sondersendungen berichtet, „der Wichtigkeit des Themas angemessen in fast täglicher Folge und immer an prominenter Stelle.“ Äußerungen in den Internetforen bei tagesspiegel.de reichen von „Danke für Ihren Hinweis auf vertiefende Informationen auf den öffentlich-rechtlichen Doku-Kanälen. Ich kann nicht feststellen, dass wir bezüglich der Berichterstattung unterversorgt sind“ bis zu „Die Milliarden Euro GEZ-Gebühren, die seit Jahrzehnten in diesem öffentlich-rechtlichen Senderwildwuchs versickern, werden offensichtlich eher für ,Marienhof’ und ,Verbotene Liebe’ ausgegeben“.

ZDF-Chefredakteur Peter Frey weist solcherlei Kritik zurück. „Unsere Nachrichtenredaktion und Redaktion Zeitgeschehen machen seit Tagen einen exzellenten Job“, sagte Frey am Donnerstag. „An allererster Stelle steht jedoch die Sicherheit unserer Kollegen in Ägypten.“ Das ZDF selbst sei kein Sparten-, sondern ein Vollprogramm. „Eine Übertragung der elf Minuten langen Mubarak-Rede wäre im Übrigen eine Zumutung gewesen.“ Markus Ehrenberg (mit dpa)

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