Medien : Vom Populären zum Exklusiven

Nach zehn Jahren bei RTL ist Hans Mahr zu Premiere gewechselt. Für den Bezahlsender soll er die Bundesligarechte gewinnen

Bernd Gäbler

Hans Mahr ist ein Raufbold. „Jetzt ist wieder Rock’n’Roll“, sagt er. Von seinen ersten zwei Monaten im neuen Amt als Vorstandsmitglied der Premiere AG, zuständig für Sport, Neue Medien und Österreich, hat er gerade sieben Tage in München verbracht.

Typisch für ihn: Bis zum 31.August war er für die RTL Group aktiv; zum Arbeitsbeginn saß er am 1. September beim Medienforum Berlin-Brandenburg als Vertreter von Premiere auf dem Podium. Er solle sich doch gefälligst nicht als Mäzen der Vereine aufspielen, blaffte ihn Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sofort an. Solcher Streit mit offenem Visier gefällt Hans Mahr. Respekt erntet, wer ihm widerspricht. „Was mich ärgert, ist diese Heuchelei“, sagt er, „als die ARD-Sportschau noch exklusiv berichtete, wurden immer zwei, drei Spiele für das ZDF-Sportstudio aufgehoben.“ Der Kunde bezahlt bei Premiere für das, was er sieht. Darum ist Bezahlfernsehen ehrlich. Der bisherige Mann fürs Populäre muss nun für Exklusivität plädieren.

Sein Kölner Büro ließ er komplett einpacken und inklusive der Vorzimmerdame nach München verfrachten. Jetzt muss sie ihm dort wie gewohnt kiloweise kernlose Weintrauben beschaffen. Mit Nebensächlichem befasst er sich nicht gerne. Seine Hauptsache ist jetzt Fußball, einer der entscheidenden Treiber für das Massenmedium Fernsehen.

Am 1. November wird die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die Ausschreibung für die TV-Rechte an der Bundesliga bekannt geben. Die Vereine wollen deutlich mehr Fernsehgelder erlösen – am liebsten hätten sie 500 Millionen Euro statt der bisher rund 300 Millionen Euro. Das sei nötig, um international Anschluss zu halten. Es wird Rechtepakete geben, so differenziert wie nie. Neben Freitagsspielen soll am Samstag ein „Spiel des Tages“ erst gegen Abend angepfiffen werden. Das Mantra von Premiere lautet: Mehr Geld gibt es nur gegen mehr Exklusivität. Das Ziel sind Verhältnisse wie in England oder Österreich, wo über die ersten Spiele im Free-TV am Sonnabend erst gegen 22 Uhr berichtet werden darf. Bei dieser Attacke auf die ARD-„Sportschau“ wagt Premiere die Konfrontation mit einer starken Allianz aus Politikern, die aufs Populäre geeicht sind, und wortstarken Boulevardmedien, die trommeln, der Fußball dürfe nicht der Allgemeinheit entzogen werden.

Tatsächlich geht es um eine nüchterne Abwägung. Die „Sportschau“ garantiert Reichweite. Für die Sponsoren ist das die entscheidende Größe. Auch für die großen Vereine sind die Sponsorengelder noch wichtiger als das Fernsehgeld. Premiere weist mit einer Studie nach, dass der Reichweitenverlust so groß nicht sein müsse, und ist zu finanziellem Ausgleich bereit. Es sei zum Beispiel „nicht ohne Reiz“, sagt Mahr, wenn das Kind bald „Premiere-Bundesliga“ hieße.

Spätestens bis Jahresende wird es Klarheit geben. Auch Premiere steht unter Druck. Der Börsengang hat zwar Geld in die Kassen gespült, aber der Kurs wird schwächer, der Finanzinvestor Permira ist ausgestiegen und die Abo-Zahlen müssen kräftig wachsen. Mindestens 200 Millionen Euro muss Premiere für die Bundesliga einplanen, in etwa so viel soll auch ein Sender kosten, der für die schon erworbenen Free-TV-Rechte der Champions League nötig ist. „Dafür kann man es selber machen“, meint Mahr. Die Internet- und Handyrechte werden an Bedeutung gewinnen, aber zuerst wird er einen profitablen Wettkanal ins Leben rufen. Mahr wird den Konkurrenten schon zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt ist.

Sein Instinkt ist erlernt. Große Vaterfiguren haben Mahr gefördert. So wuchs das Selbstbewusstsein des in Wien geborenen Sohns eines Postbeamten in erdrückende Dimensionen. Sein erster Förderer war Hans Dichand, der Mogul des österreichischen Boulevards mit dem Auflagengiganten und Quasi-Monopolisten, der „Kronenzeitung“. Hier war der junge Hans Mahr, statt sein Studium abzuschließen – er gibt zu, dass ihn das bis heute etwas wurmt –, bald als emsiger Reporter unterwegs und entwickelte einen boulevardesken Zugang zur Politik. „Politik inoffiziell“ hieß seine Kolumne.

Wie Politik funktioniert, lernte er vom damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky. Wer in Wien das Populäre konnte, war SPÖ. In Österreich ist dies weniger Gesinnung als Handwerk. Das gilt für RTL-Gründervater Helmut Thoma, dessen Nachfolger Gerhard Zeiler ebenso wie für Hans Mahr. Er managte „Falco“, leitete das Büro des Wiener Bürgermeisters, vor allem aber wurde er der Wahlkampfstratege für Kreisky.

Der dritte väterliche Förderer war Helmut Thoma, der schlitzohrige Buddha des Privatfernsehens. Er holte Hans Mahr von Wien nach Köln zu RTL. Für alles Nicht-Fiktionale, also Nachrichten und Magazine, Sport und Dokumentationen sollte er zuständig sein. Blanke Ablehnung schlug dem Fernsehneuling entgegen. Thoma hielt an ihm fest. Sofort schaffte Mahr das von seinem Vorgänger konzipierte anspruchsvolle Reportage-Magazin „Kisch“ ab, führte eine ganze Batterie von Boulevardmagazinen ein und widmete sich hingebungsvoll großen Sport-Events. Er wusste: Attraktion, nicht Information ist das Gesetz des Massenmediums, aber gerade in Deutschland ist auch Informationskompetenz vonnöten. So rief er ein ums andre Mal „Informationsoffensiven“ aus und ließ Peter Kloeppel und Antonia Rados Raum, sich als seriöse Journalisten zu profilieren.

Richtig wohl fühlte sich Mahr allerdings stets, wenn ihm die Kombination von Reichweite und gesellschaftlichem Ereignis gelang. Wie kein Zweiter konnte er zu Thomas Wohlgefallen aus erworbenen Sportrechten durchschlagende Events formen. Gern führte er prominente Gäste durch den „Formel-1-Zirkus“, als Schumi einen Titel nach dem anderen holte. Die großen Boxkämpfe von Henry Maske inszenierte er, wie es Leni Riefenstahl nicht schöner gekonnt hätte.

Mahr kleckert nicht, er klotzt. Er liebt die große Geste und ist ein Kümmerer im Kleinen. Wenn Niki Lauda sich zu viel kratzt oder bei Birgit Schrowange die Frisur nicht stimmt, greift er sofort zum Telefon – und brüllt. Wenn ein Grafikentwurf nicht so geriet, wie er es sich vorgestellt hatte, ging alles komplett zurück. „Etwas aufbauen ist mir lieber als Kostenminimierung“, sagt Mahr.

Frühere Mitarbeiter erzählen, er erweckte den Eindruck, selbst der liebe Gott zu sein, umgeben von Idioten. Auch deswegen war Hans Mahr wohl nie als RTL-Chef im Gespräch. Als er ging, atmeten viele auf. Jetzt ist die Stimmung umgeschlagen. Er sei zwar ziemlich verrückt gewesen, heißt es, aber für den Sender unglaublich nützlich.

Helmut Thoma nahm seinem Schützling übel, dass er auch zu seinem Nachfolger Gerhard Zeiler ein solides Verhältnis aufbaute. Emanzipiert von Thoma, ging er mit dem jüngeren Zeiler zur RTL Group, deren Synergiebeauftragter Mahr wurde. Das war kein Abstieg, aber große Hoffnungen leuchteten dann doch nicht mehr auf. So wechselte Mahr aus dem Bertelsmann-Reich nach München, zu Premiere-Chef Georg Kofler. Die Gesamtverantwortung fürs Pay-TV-Programm hat Kofler ihm nicht übertragen. Mahr soll nun erst einmal seine Schlachten schlagen, neben Leidenschaft auch Loyalität beweisen und Kofler es ermöglichen, sich selber etwas präsidialer zu geben.

In die Schlacht vor allem gegen die ARD, die im Erwerb der Bundesligarechte eine existenzielle Entscheidung über ihre massenmediale Qualität sieht, zieht nun ein im Milieu von SPÖ und Bertelsmann gereifter, stets unter Dampf stehender Maniac, ein gelernter Boulevardjournalist, der mit seiner Lebensgefährtin Katja Burkhard ganz selbstverständlich zu den Hochzeitsgästen der Verona Pooth gehört. Eins verbindet die Kontrahenten: Neben ihrem Populismus gehen sie zum Ausgleich einem alternativen Freizeitvergnügen nach. ARD-Programmdirektor Günter Struve erwärmt sich für die schönen Künste, Mahr für gutes Essen.

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