Medien : Von Menschen und Melonen

Selbst auf der Cologne Conference offenbarte sich die Ideenkrise des Fernsehens

Markus Ehrenberg

Ein anatolisches Dorf in den 60er Jahren. Recep verkauft Melonen, Mehmet arbeitet im Frisiersalon. Beide träumen vom eigenen Kino. Filmstreifen haben sie schon, eine Scheune als Zuschauerraum. Aber wie soll man vorführen, ohne Strom und Projektor? Mehmets Leidenschaft fürs Kino bekommt Konkurrenz, als er sich in die Tochter einer Kundin verliebt. Wenn es nach der Cologne Conference geht, ist „Boats out of Watermelon Rinds“, der Debütfilm des Autodidakten Ahmet Ulucay, das weltweit Beste, was derzeit fürs Fernsehen zu haben ist. Das Beste aus zehn internationalen Filmen, die auf der TV-Messe Deutschland-Premiere hatten und die in den nächsten Monaten vielleicht auch einmal bei ARD, ZDF, Arte oder Pro7 laufen könnten.

Pro7 dürfte sich mit „Boats out of Watermelon Rinds“ allerdings nicht lange aufhalten, bei „aller Leichtigkeit Francois Truffauts und der visuellen Brillanz Abbas Kiarostamis“, für die der erste türkische Beitrag auf der Conference den „TV Spielfilm“-Preis erhielt. Zurecht, auch wenn der bildmächtige Film etwas für die Kinoleinwand ist. Neue, bahnbrechende TV-Formate auf dem Festival? Fehlanzeige. Zur Erinnerung: Die Conference hat in ihren 15 Jahren Trends gesetzt. Hier liefen „Twin Peaks” (1990), „Emergency Room” (1995), „Sex and the City” (1999), „Six Feet Under” (2002), „24” (2002) oder „Nip/Tuck“ (2004). Alles Serienerfolge, und da sieht das Fernsehjahr 2005 schlecht aus: keine US-Produktion bei der „TopTen Fiction“. Nach dem Boom der vergangenen Jahre mit dem Höhepunkt „Desperate Housewives“ macht jetzt die Rede vom „Tod der US-Serie” die Runde, sagt Martina Richter, Direktorin der Conference. „Den Amerikanern fällt nichts mehr ein.“

Dafür den Russen mit einer an die „Wunderbare Welt der Amélie“ angelehnten Mini-Serie („Women in the Game Without Rules“) und der BBC, die mit fünf Produktionen im Wettbewerb vertreten war. Nur, irgendwie weiß man in diesen harten Zeiten wenig anzufangen mit dem britischen Humor, mit einem fetten Stubenhocker-Drogendealer in „IDeal“ oder einem durchgeknallten Papst in der Animationsserie „Popetown“, die es mit dem Verbot in Italien und England zu fragwürdigem Ruhm gebracht hat. „Popetown“ könnte der Nachfolger von „South Park“ sein. Benedikt XVI. dürfte das kaum gefallen. Die „neue Ernsthaftigkeit“ in den Wettbewerbsreihen, von der Martina Richter spricht, war am ehesten noch in „Jagd nach Gerechtigkeit“, dem deutschen Film über das Den Haager Tribunal und in „Bodies“ zu spüren, einer realitätsnahen BBC-Krankenhausserie. Schnelle Schnitte, wackelige Handkamera, die in die Körper hineinkriecht und ein Arzt als ambivalente Hauptfigur. Gegen „Bodies nimmt sich „In aller Freundschaft“, das MDR-Krankenhausseelchen, wie Kindergeburtstag aus. Unbedingt einkaufen, Seriensender Vox! Hauptdarsteller Max Beesley ist Keyboarder in der Band von Robbie Williams und macht sich gut auf Werbeplakaten.

Was bleibt noch von der Cologne Conference? Marie Bäumer in „Ein toter Bruder“. Der teamWorx-Film von Stefan Krohmer läuft am Freitag auf Arte (20 Uhr 40). Die etwas durchschaubare Geschichte einer alten Studienfreundschaft, die in einer Nacht an der Ostsee zerbricht. Viel Geheimniskrämerei, viel Misstrauen, Alltagsfluchten. Das passt vielleicht gut zu dem typisch deutschen Pessimismus und dem damit verbundenen Eskapismus, der sich eben als Hauptsujet im Fernsehen ausmachen lässt. Das Fernsehen müsse sich wieder stärker um die Lebenswelten der Zuschauer kümmern, sagt Martina Richter. Da hat das Festival immerhin gute Arbeit geleistet. Politische Themen wie Krieg und sozialer Abstieg finden sich in den Dokus „Wir leben im 21. Jahrhundert“ über den Alltag dreier Kölner Jugendlicher oder in „Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien“. Das Porträt junger Kriegsveteranen wird nach der Conference ebenso auf Arte ausgestrahlt wie das TV-Movie „Das Lächeln der Tiefseefische“. Ins kleine Fernsehspiel des ZDF kommt „Was lebst Du?“, eine Dokumentation über das Leben muslimischer Jugendlicher in Deutschland, die als bester Film in der „TopTen Nonfiction“ ausgezeichnet wurde.

Gutes Fernsehen also. Trotzdem, die Cologne Conference konnte nicht begeistern. Es ist skurril. Unten an den Kinokassen des Kölner „Cinedom“ stehen die Leute für „Krieg der Welten“ Schlange, oben in der „Blackbox“ sitzen Medienkritiker und schauen sich gutes Fernsehen an. Das meiste davon wird nicht in deutschen Programmen zu sehen sein. Auch im Hinblick auf die nächste Fernsehsaison ist für manche Tage zu befürchten, dass der Laudator des türkischen Gewinnerfilms Recht hat: „Das Kino animiert zum Träumen, das Fernsehen zum Einschlafen“.

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