Medien : Vorsicht Werbung: Wie bei Muttern

Reinhard Siemes

Die Schokolade von Lindt in Aachen zählt zweifelsohne zu den besten. Hergestellt wird sie aber genauso vollautomatisch wie die von Stollwerk oder Milka. Das weiß inzwischen sogar Fräulein Böckelfeld in Petershagen. Nur bis zum Lindt-Chef Adalbert Lechner ist es noch nicht durchgedrungen. Der hält seine Werbeagentur FCB Wilkens in Hamburg dazu an, Konditor-Spots zu verbeiten: Die Schokomasse wird von Männern mit weißen Mützen händisch gerührt und in Tafeln gegossen. Anschließend beißen dann belgische Jungfrauen die Rillen rein.

Doch Lindt ist beileibe kein Einzelfall. In der Fernsehwerbung für Süßes und Saures ist Handarbeit grundsätzlich Herstellungsmethode der Wahl. Ferrero hat für Hanuta sogar eine spezielle Dachboden-Backstube eingerichtet. Hier werden die Waffelteile heute noch wie vor hundert Jahren mit unendlicher Liebe auf altem Blech trocken gegart. Die Herren von Coppenrath & Wiese lassen ihre Tiefkühltorten einzeln von sauberen Sahnebildhauern erschaffen. Und bei Bahlsen ist sowieso alles wie bei Muttern. Neuerdings gibt es auch wieder Handmilch-Joghurt.

Die Molkerei Weihenstephan bei München lässt die Milch für ihre blauen Becher von einem Bauernburschen mit Kannen durch die Landschaft zum Sammelbecken tragen. Auf dem Milchblech prangt das Weihenstepahn-Signet als feine Schmiedearbeit. Obwohl der Gute mindestens 50 Kilogramm bewegen muss, federt er lockeren Schenkels einher wie der Kanzler auf dem Weg zu einer Pressekonferenz. Sobald er mit der Last im Reklame-Portal der Joghurt-Macherei verschwunden ist, entschreitet er diesem auch schon wieder. Wie Hans im Glück hat er die Kannen gegen einige Becher der trefflichen Weihenstephaner Löffelmilch eingetauscht. Die trägt er nun selig zurück zu seinem Milchhof. Die Bayerischen Kühe aber schweigen dazu.

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