Medien : "Wagners Geständnis": Der Wahrheit dritter Teil

Thomas Gehringer

Der WDR, das muss man ihm lassen, sorgt für Gesprächsstoff: Nachdem schon das Kosovo-Stück "Es begann mit einer Lüge" heftigen Streit ausgelöst hatte, wird nun ein weiterer Film aus der Reihe "die story", mit dem der Kölner Sender den investigativen Journalismus wieder beleben möchte, wegen angeblich unsauberer Recherche kritisiert.

Am 4. Januar erzählte WDR-Autor Egmont R. Koch in "Wagners Geständnis" die schier unglaubliche Geschichte vom SS-Mitglied und Judenmörder Günter Reinemer, der nach dem Krieg als US-Agent eine neue Legende erhielt und 1988 als Hans Wagner, Mitglied der Jüdischen Gemeinde von Caracas in Venezuela, starb. "Doch alles spricht dafür", schreibt der "Spiegel" in seiner aktuellen Ausgabe, "dass der unglaubliche Stoff auf einem Phantasiegebäude fußt." Chefredakteur Stefan Aust sagte es gestern gegenüber dem "Tagesspiegel" noch deutlicher: "Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass das Ding eine Ente ist." Der WDR hatte bereits am Sonntag prompt mit einer Stellungnahme reagiert und die Vorwürfe des Magazins zurück gewiesen.

Der Wettstreit um die Wahrheit ist um so bedeutender, da zahlreiche Zeitungen im In- und Ausland den Fall Wagner / Reinemer aufgriffen; auch der "Tagesspiegel" berichtete am 4. Januar ausführlich über die Recherchen von Egmont R. Koch. Worum geht es? Geschäftsmann Georg Wagner wird im August 1988 in Caracas von Privatermittlern in die Mangel genommen, weil er offenbar eine Waffenfirma übervorteilt hatte. Das zehnstündige Verhör, bei dem sich Wagner schließlich als ehemaliger Aufseher im KZ Treblinka zu erkennen gibt, wird auf einem Diktiergerät dokumentiert. "Die gesamten Bänder befinden sich im Original bei mir", erklärte Egmont R. Koch. Einer der Ermittler, Klaus-Dieter Matschke, habe ihn vor zwei Jahren angesprochen und ihm die Bänder für den ARD-Film überlassen - ohne Bezahlung, betont Koch. Bereits 1989 war "Spiegel TV" an Matschkes Geschichte interessiert. Chefredakteur war damals Stefan Aust. Weil aber ein Dokument gefunden wurde, das nachweise, Reinemer hätte seit Februar 1943 in Hamburg gewohnt, anstatt im KZ Treblinka mitzuhelfen, einen Aufstand der Häftlinge blutig niederzuschlagen, sei das Angebot abgelehnt worden. Nachdem nun die ARD die Geschichte brachte, "wollten wir natürlich wissen, ob wir uns getäuscht haben", sagte Aust. "Wir haben uns aber nicht getäuscht."

Koch verteidigt sich in dem erwähnten Punkt mit dem Hinweis, die Tatsache, dass Reinemer seinen privaten Lebensmittelpunkt in Hamburg gehabt habe, bedeute nicht, "dass er 1943 nicht in Treblinka Dienst tat". An anderen Stellen vermisst der "Spiegel" schriftliche Belege: So sei in keinem Aktenstück der Treblinka-Verfahren der Name Reinemer aufgetaucht. Auch in den amerikanischen Kriegsgefangenenlisten werde er nicht erwähnt. Koch kontert: Sowohl die SS als auch der US-Geheimdienst, der die Namen der von den Nazis und der Wehrmacht angeheuerten Agenten nicht Preis geben wollte, hätten bekanntlich viele Dokumente vernichtet. Dass Wagner und Reinemer identisch sind, bezweifelt auch der "Spiegel" nicht. "Aber Reinemer ist nicht in Treblinka gewesen. Dafür gibt es keinen positiven Beweis", so Aust.

Im Verhör nannte Wagner zudem einen falschen Namen: SS-Obergruppenführer Theodor Eicke könne nicht den Mordbefehl in Treblinka erteilt haben, moniert der "Spiegel", weil Eicke da längst bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Koch räumt ein, dass sich Wagner in diesem Punkt irrt. Doch Eicke sei zuvor sein Vorgesetzter im KZ Lichtenburg gewesen. "Ich halte ihm einfach zugute, dass er in dem Moment den Namen nicht wusste." 50 Jahre später seien Erinnerungslücken nicht unwahrscheinlich.

Die Wahrheitssuche, auch das ist unstrittig, wird durch die abenteuerliche Biografie des einen Tag nach dem Verhör in Caracas unter bisher ungeklärten Umständen gestorbenen Reinemers / Wagners nicht gerade erleichtert. Wechselnde Wohnorte und mehrere Ehen zieren seine Vita. Auch Egmont R. Koch sagt: "Der Mann hatte sicher eine rege Phantasie." Dennoch beharrt der Autor, der als investigativ arbeitender Journalist durchaus einen guten Namen in der Branche hat: "Ich habe das sehr akribisch überprüft." Wie auch der verantwortliche WDR-Redakteur Gert Monheim wundert er sich, dass die "Spiegel"-Reporter das Angebot ablehnten, die kompletten Verhörbänder selber abzuhören. "Außer dass Wagner eine bestimmte Geschichte erzählt, beweist das Tonband nichts", ist sich Aust sicher.

Laut Koch gehe aus dem Verhör jedoch eindeutig hervor, dass Wagner nicht aus Hass auf seine jüdische Ehefrau und deren Freunde plauderte - um sie mit einem "falschen Geständnis" zu zerstören, wie der "Spiegel" auf der Suche nach einem Motiv argwöhnt. Vielmehr hätten die Privatermittler mit dem Hinweis auf die im Nebenzimmer wartende Geheimpolizei ständig Druck auf Wagner erzeugt, und Wagner habe mehrfach um Vertraulichkeit gebeten, weil er die Wahrheit seiner Frau eben nicht zumuten wolle.

Aber was ist nun die Wahrheit, und lässt sie sich gut 50 Jahre später überhaupt noch ermitteln? Nur soviel steht zweifelsfrei fest: WDR und "Spiegel" stehen sich mit gegensätzlichen Bewertungen des Falls gegenüber. Und jede Seite ist sich ihrer Sache sicher.

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