Wahlkampf : Wie man ein Fernsehduell gewinnt

Am Sonntag ist es wieder so weit. Die Kanzlerkandidaten steigen in den Fernsehring. Der Publizistikwissenschaftler Marcus Maurer beschäftigt sich seit Jahren mit Fernsehduellen. Im Gespräch mit Tagesspiegel.de verrät er, wie man ein Duell gewinnt.

Interview von Anna Sauerbrey
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Aufmerksam gucken hilft nicht. Visuelle Kommunikation in Fernsehduellen ist völlig überbewertet, sagt Wissenschaftler Marcus...Foto: dpa

Herr Maurer, Sie haben sich intensiv mit Fernsehduellen beschäftigt.



Ja, wir haben ja schon 2002 und 2005 die Duelle analysiert und machen das nun auch 2009 wieder.

Wer schaut sich denn eigentlich so ein Fernsehduell an?

Das ist schon ein Massenevent, aber es finden sich auch viele Leute im Publikum, die sich sonst nicht so intensiv mit politischen Informationen beschäftigen. Letztes Mal hatte das Duell fast 22 Millionen Zuschauer. Das sind etwa doppelt so viele Zuschauer wie man sonst mit politischer Information maximal erreicht. Wer sich allerdings überhaupt nicht für Politik interessiert, schaut auch kein Fernsehduell.

Bei diesen Einschaltquoten ist die wichtigste Frage natürlich: Kann das Duell die Wahlentscheidung beeinflussen?

Pauschal kann man das nicht sagen. Wir können aber zeigen, dass durch das Duell selbst etwa fünf Prozent der Wähler bewegt werden und dann noch einmal etwa fünf Prozent durch die Nachberichterstattung. Ob das entscheidend ist, hängt natürlich davon ab, wie knapp die Ausgangslage ist. Wenn es so knapp zugeht wie bei den letzen Wahlen, kann so ein Duell entscheidend sein. Viel größer als der Einfluss auf die Wahlentscheidung ist aber der Einfluss auf die Meinung über die Kandidaten.

Inwiefern?

Die Zuschauer verbessern ihre Urteile über denjenigen, der das Duell gewinnt und verschlechtern ihre Urteile über den, den sie als Verlierer sehen. Das kann sich auf die Dauer auch auf die Wahlabsicht auswirken. Langfristig kann die Wahrnehmung eines Kandidaten dazu führen, dass man auch seine Partei wählt, selbst wenn man seine Wahlentscheidung nicht sofort verändert. Wen man wählt, ist eben doch eine ziemlich grundsätzliche Sache.

Wer hat denn das letzte Duell aus der Sicht der Teilnehmer ihrer Studie gewonnen?

Das war interessant: Als wir hinterher die Frage gestellt haben, wer gewonnen hat, haben wir dasselbe Ergebnis bekommen wie in den Umfragen, in denen Schröder als Sieger gesehen wurde. Schaut man allerdings auf die spontanen Reaktionen der Zuschauer während des Duells, ergibt sich längst nicht so ein eindeutiges Bild. Da haben wir ein Unentschieden gemessen. Nach dem Duell kommen dann aber Einstellungen und Parteibindungen zum Tragen, das Ereignis wird rationalisiert und der spontane Eindruck manchmal verändert.

Eine These, die Sie auch in Ihrem Buch aufstellen, ist, dass auch die Medienberichterstattung über das Duell nachträglich die Zuschauermeinung beeinflusst.

Das ist richtig. 2002 und auch 2005 haben wir festgestellt, dass einige Testpersonen, die das Duell gesehen haben und Stoiber bzw. Merkel als Sieger wahrgenommen haben, sich später dem dominierenden Urteil in der Medienberichterstattung angeschlossen haben, nämlich dass Schröder gewonnen hat. Sie haben weniger ihren eigenen Augen und Ohren vertraut als mehr dem, was die Medien später aus dem Duell gemacht haben. Das finde ich schon bemerkenswert, denn das Duell dient ja eigentlich dazu, dass sich die Menschen ein eigenes Urteil von den Kandidaten bilden können.

Ein anderes deprimierendes Ergebnis ihrer Studie ist es, dass Allgemeinplätze am besten ankommen. Heißt das, die beste Strategie eines Kandidaten muss es sein, nur noch Dinge zu sagen, die nicht kontrovers sind?

Im Grunde heißt es das. Das Phänomen haben wir sowohl 2002 als auch 2005 beobachtet. 2008 habe ich zusammen mit einem spanischen Kollegen ein spanisches Fernsehduell ausgewertet und auch dort war es so. Diejenigen sind erfolgreich, die ihre eigenen Ziele darstellen, aber das so vage tun, dass keiner widersprechen kann. Das ist natürlich aus demokratietheoretischer Sicht problematisch. Man würde sich wünschen, dass es honoriert wird, wenn die Kandidaten klar sagen, für was sie stehen.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Sätze wie: Wir wollen ein gerechtes Steuersystem. Das will jeder. Oder: Wir müssen die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern übereinbringen. Da haben sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer das Gefühl, ihre Interessen würden berücksichtigt.

Welche Rolle spielen Gestik und Mimik während des Duells?

Wir stellen immer wieder fest, dass die Wirkung visueller Informationen völlig überschätzt wird und verbale Informationen wesentlich wichtiger sind. Der Mythos, dass damals 1960 Kennedy im Fernsehduell gegen Nixon gewonnen habe, weil er einfach besser und gesünder aussah, wird gerne gepflegt. Aber unseren Ergebnissen entspricht das nicht.

Schröder hat 2005 seiner Frau im Duell eine Liebeserklärung gemacht. Konnte er damit punkten?

Nein, überhaupt nicht. Hinterher konnte man zwar überall lesen, dass er deswegen gewonnen hat, aber wir konnten feststellen, dass die Leute darauf praktisch gar nicht reagiert haben. Die meisten Zuschauer wollen politische Informationen. Wenn er das Emotionale verbunden hätte mit einer politischen Aussage, dann hätte das besser funktioniert. Politische Aussagen, die auf eine emotionale Art vermittelt werden, werden sehr positiv bewertet.

Zu welcher Strategie würden Sie Steinmeier und Merkel für den Sonntag also raten?

Gut kommt an: Eigene Ziele nennen, diese möglichst vage formulieren und emotional verpacken. Schlecht kommt an, wenn man den Gegner kritisiert und dabei die eigenen Argumente mit Fakten stützt – obwohl das ja das wäre, was man sich in einem Duell wünscht. Als Rat würde ich das aber nicht formulieren, eigentlich ist das ja furchtbar. Ich will das auch nicht so sehen.

Wollen Sie eine Prognose wagen, wer das Duell am Sonntag gewinnt?

Das ist ganz schwierig. Wir hatten bis jetzt ja immer mit Schröder den großen, eindeutigen Favoriten, es ging auch meist zu seinen Gunsten aus. Diesmal ist es für beide nicht unbedingt das geeignete Format. Beide sind ja nicht dafür bekannt, mit brillanter Rhetorik die Massen zu bewegen. Daher würde ich mir kein Urteil zutrauen. Ich bin selbst gespannt.

Marcus Maurer ist zurzeit Gastprofessor an der Universität Zürich. Zu Fernsehduellen hat er zuletzt gemeinsam mit Kollegen das Buch „Schröder gegen Merkel: Wahrnehmung und Wirkung des TV-Duells 2005 im Ost-West-Vergleich“ veröffentlicht. Seine Probanden schauen sich die Duelle live an und beurteilen dabei kontinuierlich die Kandidaten mit einem Drehregler. Zusätzlich finden Befragungen und Analysen der Medienberichterstattung statt. Das Gespräch führte Anna Sauerbrey.

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